In Leipzig wird eine Veranstaltung zum Gedenken an die historische Großdemonstration vom 9. Oktober 1989 gerade zu einem Politikum. Ehemalige DDR-Bürgerrechtler wenden sich in einem offenen Brief dagegen, dass zum 30. Jahrestag der auf dem Leipziger Stadtring friedlich verlaufenen Demonstration auch der Linkspolitiker Gregor Gysi sprechen soll. Der Grund: Gysi war seit 1967 SED-Mitglied und zur Wendezeit, seit dem 9. Dezember 1989, Chef der SED-PDS, die sich später in Die Linke umbenannte.

Die von den Leipziger Philharmonikern in der Peterskirche ausgerichtete Gedenkveranstaltung mit prominenten Rednern und Gästen hat eine lange Tradition. Fast jährlich führt das Orchester an dem Jahrestag des entscheidenden Protestzugs von 70.000 Menschen gegen das DDR-Regime in der Kirche Beethovens 9. Sinfonie auf, zu deren Schlusssatz Friedrich Schillers Ode an die Freude gehört. Für 2019 ist als Festredner Gregor Gysi angekündigt, wie das Pfarramt der Peterskirche bestätigte.

Gysi gehörte in der DDR nicht zur ersten Reihe der SED-Staatsführung, trat aber in der Umbruchphase von 1989 zunehmend für Veränderungen ein. Bekannt wurde seine Rede auf einer Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz fünf Tage vor dem Mauerfall, in der er vor Hunderttausenden Menschen für eine Erneuerung der SED eintrat.

Ausrichter der Veranstaltung ist nicht die Kirchgemeinde. Sie stellt aber der Philharmonie dafür den Kirchenraum zur Verfügung, auf Grundlage einer Vergaberichtlinie für die kulturelle Nutzung des Gotteshauses, wie Pfarrer Andreas Dorn auf Facebook erläuterte. Gysi sei von den Kirchen als Gesprächspartner "auf Augenhöhe ernst genommen und wertgeschätzt". Der Chef der Philharmoniker, Michael Koehler, verteidigte das Konzept der jährlichen Gedenkkonzerte, wollte sich auf Anfrage zu dem konkreten Fall aber nicht vor Montag äußern. 

Nun prallen die Meinungen aufeinander, wer die politische Wende von 1989 für sich in Anspruch nehmen darf. Dabei stoßen die offiziellen staatlichen Konzepte – Gedenkkonzert mit prominentem Festredner an prominentem Ort – auf die Vorstellungen jener, die gewürdigt sehen wollen, dass sie 1989 unter Lebensgefahr und von Haft bedroht versucht hatten, das DDR-Regime zu Veränderungen zu bewegen.          

In einem offenen Brief äußern sich Ex-Bürgerrechtler wie der vom SED-Regime ausgebürgerte Wolf Biermann, Werner Schulz (Bündnis90/Die Grünen), der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, Rainer Eckert (ehemals Zeitgeschichtliches Forum Leipzig) oder der spätere Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Gerd Poppe, "fassungslos" über die Einladung Gysis.

"Wir können nicht glauben, dass die Geschichtsvergessenheit bereits so weit fortgeschritten ist, dass nun schon diejenigen zu Festreden eingeladen werden, die Revolution und Einheit mit aller Entschiedenheit zu verhindern suchten", heißt es in dem Schreiben, das am Freitag veröffentlicht wurde. "Wir finden das zynisch und empörend." Gysis Partei habe die DDR-Diktatur befehligt. Laut Poppes Angaben hat der Brief mittlerweile "einige Hundert Unterzeichner".

Die Autoren werfen Gysi zudem vor, er habe als Rechtsanwalt und Parteichef die Auflösung der SED verhindert, weil er und seine Partei "vor allem das große Vermögen der SED, aber auch politischen Einfluss" nicht verlieren wollten. Nun beanspruchten sie "offenbar sogar noch im Nachhinein die Revolution für sich". Für die Friedliche Revolution von 1989 stehe aber nicht Gregor Gysi, "sondern all jene, die die SED herausgefordert und entmachtet haben und zu denen wir uns zählen". Auch die lokale CDU nutzt den geplanten Auftritt für einen Vorstoß: Er habe "zu Recht für viel Kritik gesorgt", schreibt die Fraktion im Leipziger Stadtrat, die dazu kritische Fragen an Oberbürgermeister Burkhard Jung stellte.