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So war es vor vier Jahren: Dumpf brummten die Ventilatoren vor sich hin, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Abschalten ging nicht, die Fenster ließen sich nicht richtig öffnen, nur durch die Türen kam Frischluft stoßweise herein, draußen war es kalt, man konnte sie nicht offen stehen lassen. Der Geruch, der von der Essensausgabe durch die Halle zog, mischte sich mit den Ausdünstungen der Männer, kein Platz für feucht gewordene Jacken und nasse Schuhe.

Viel zu klein war die Turnhalle für die vielen Menschen, nicht einmal 50 Meter lang, 25 Meter breit. So erzählen es alle, die damals im November 2015 in der Notunterkunft im Berliner Osten lebten und arbeiteten: Geflüchtete, Sozialarbeiter, Helfer. Innerhalb weniger Monate waren Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, viele von ihnen in die Hauptstadt. Die Berliner Verwaltung hatte Männer aus 14 Ländern, Studenten wie Analphabeten, Informatiker wie Handwerker und Junkies beliebig aus den Schlangen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales herausgegriffen, in Busse gesteckt und in die Turnhalle verfrachtet.

Dicht an dicht standen die Doppelstockbetten. Notdürftig knoteten die Männer Laken um die Bettgestelle, bauten sich eine Burg wie spielende Kinder, ein hilfloser Versuch, einen Rest an Privatheit zu ergattern. An Schlaf war kaum zu denken, irgendjemand schnarchte immer. Tagsüber schwollen die Geräusche in der Halle an zu einem einzigen Getöse: Stimmen lärmten in einem Dutzend Sprachen, sie redeten und lachten und stritten und beteten, dazu Handygeklingel und laute Musik. Ununterbrochen klackerten die Bälle über die Tischtennisplatte, immer lief jemand herum, zum Rauchen, zum Duschen, zur U-Bahn.

Und ständig gab es Stress. Niemand hatte etwas zu tun, Langeweile, unterschiedliche Nationalitäten und Religionen trafen aufeinander, Sunniten auf Schiiten, Syrer auf Iraner, Iraner auf Iraker und alle auf Sicherheitsleute, die viel von klaren Ansagen hielten und wenig von Kompromissen. "Das war kein Deutschland", sagt einer der Bewohner von damals. "Das war keine Freiheit, das war wie ein Gefängnis."

Schafft ihr das?

Vier Jahre später ist klar: Viele, die Deutschland damals erreichten, werden auf absehbare Zeit nicht zurückgehen. Wie aber geht es ihnen in Deutschland? Finden sie einen Weg in die Gesellschaft?

Um das herauszufinden, hat ZEIT ONLINE versucht, zu recherchieren, was aus 330 Männern wurde, die von November 2015 bis Oktober 2016 in dieser Berliner Turnhalle untergekommen waren. 100 von ihnen konnten wir finden, ihre Lebensläufe finden Sie hier.

Ihre Geschichten sind vielschichtiger und komplizierter, als es die einfache Frage nach der Integration in die deutsche Gesellschaft vermuten lässt, voller Hoffnung und Aufbruch, aber ebenso geprägt von Ernüchterung, Enttäuschung und Erschöpfung. Einige stehen heute kurz davor, die Kontrolle über ihr Leben wiederzugewinnen, anderen wird das kaum je gelingen, viele leben noch immer in einer Zwischenwelt, in der offenbleibt, ob sie sich einleben können oder scheitern werden. Hier porträtieren wir drei von ihnen.

Adib A.

Adib A. eilt aus dem Zimmer des alten Herrn, wirft eine Windel in den Rollcontainer auf dem Flur, streift seine Einweghandschuhe ab. "Mach mein Bett!", ruft der gebrechliche Mann ihm hinterher. Es ist kurz nach sieben Uhr, Frühschicht auf Station 3 des Seniorenzentrums Sankt Konrad im Osten Berlins. Adib A. hat den Bewohner gewaschen, ihm ein sauberes Poloshirt angezogen und ihm in den Rollstuhl geholfen. Schnell desinfiziert er sich die Hände. Schon wieder fragt der Mann: "Hast du mein Bett gemacht?" Adib A. hastet zurück ins Zimmer.

Der 26-Jährige trägt Turnschuhe, eine Jogginghose und einen weißen Kurzarmkittel. Er arbeitet schnell und mit sportlichem Elan, nach sieben Monaten sitzt jeder Handgriff. Adib A. kennt alle Bewohner mit Namen, weiß nicht nur um ihre Gebrechen, sondern auch um ihre Vorlieben: Welcher alte Herr freut sich morgens über laute Musik? Welche Dame tanzt gerne?

Von sich selbst erzählt Adib A. nicht so gerne. Er kommt aus Syrien. Dort war er Polizist, zog in einer Spezialeinheit für das Assad-Regime in den Kampf. Gegen wen hat er dort gekämpft, was hat er erlebt, was getan? Adib A. sagt nichts dazu. Er versuche, zu verdrängen, was er gesehen habe: Schüsse, Explosionen. Er zeigt einen Führerschein, ausgestellt von der syrischen Polizei. Irgendwann desertierte er; er habe nicht auf seine Mitbürger schießen wollen, sagt er.