Die Polizei hat bis zum frühen Sonntagmorgen das Betriebsgelände des Tagebaus Garzweiler von Demonstranten geräumt. Mehrere Hundert Aktivisten, darunter vom Bündnis Ende Gelände, hatten am Samstag die Abbaugelände in Garzweiler und Jackerath bei Aachen gestürmt, Bahnstrecken besetzt und damit den Betriebsablauf unterbrochen.

Von der Polizei hieß es am Sonntagmorgen, die Räumung des Tagebaus dauere noch an, stehe aber "vor dem Abschluss". Auf dem Betriebsgelände des Energieversorgers RWE befänden sich noch rund 250 Demonstranten unter Kontrolle der Einsatzkräfte. Diese werden der Polizei zufolge nach und nach abtransportiert.  

Der kürzlich ins EU-Parlament gewählte Michael Bloss (Grüne) twitterte, dass festgehaltene Menschen zusammenbrechen würden, weil sie nicht mit Nahrung und Getränken versorgt würden. Die Polizei dementierte diesen Vorwurf auf Twitter, die festgehaltenen Personen würden vielmehr "seit Stunden" mit Getränken versorgt. Für eine Stellungnahme war die Polizei bis zum Sonntagmorgen nicht erreichbar.

Im Rahmen ihrer Demonstration für einen schnellen Kohleausstieg waren etwa 1.600 Aktivistinnen und Aktivisten am Samstag von Keyenberg aus in Richtung Jackerath gelaufen, das im Süden des Tagebaus Garzweiler liegt. Nach Polizeiangaben war während der Demonstration eine größere Gruppe durch eine Polizeikette gestürmt und auf das Gelände des Tagebaus gelangt. Die Polizei setzte Pfefferspray ein.

Auf Videos im Netz ist zu sehen, wie zahlreiche Demonstrantinnen und Demonstranten an der Abbaukante entlang in den Tagebau hinein rennen oder rutschen. Die Polizei appelliert an die Frauen und Männer stehenzubleiben. Es bestehe Lebensgefahr. Der NRW-Chef der Gewerkschaft der Polizei, Michael Mertens, sprach von einem "unglaublichen Leichtsinn" der Aktivisten. Die Abbaukanten im Tagebau seien auch deshalb so gefährlich, weil man oben oft gar nicht sehe, wenn darunter gar kein Grund mehr sei. "Da können Sie 40 Meter tief stürzen", sagte Mertens. 

Die Aachener Polizei berichtete auf Twitter, Aktivisten hätten Polizeibeamte "massiv angegangen & teilweise verletzt". Bislang gebe es acht verletzte Beamte, sagte eine Polizeisprecherin. Die Verletzungen hätten sie erlitten, als Aktivisten die Polizeisperren durchbrachen. Außerdem berichtete die Polizei von versuchten "Gefangenenbefreiungen" und rief dazu auf "friedlich und kooperativ" zu sein. Genaue Zahlen über Ingewahrsamnahmen konnte die Behörde zunächst nicht nennen. Ende Gelände sprach auf Twitter von Polizeigewalt.

Am Rand des Tagebaugebiets Garzweiler brannte der Schaltschrank einer Pumpstation des Betreibers RWE. Die Polizei gehe von vorsätzlicher Brandstiftung aus, sagte eine Sprecherin. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass das Feuer im Zusammenhang mit der Klimademonstration gelegt worden sei.

Klimaproteste - Aktivisten besetzen Tagebau Garzweiler Hunderte Umweltaktivistinnen sind in den Tagebau Garzweiler eingedrungen. Sie hätten Polizeiketten teilweise "gewaltsam durchbrochen", sagte ein Polizeisprecher. © Foto: Marcel Kusch/Reuters

Der Protestzug wurde von einem starken Polizeiaufgebot begleitet, unter anderem waren Polizeireiter und ein Polizeihubschrauber im Einsatz. Die Polizei brachte auch Räumpanzer und einen Wasserwerfer am Rande des Tagebaus Garzweiler in Stellung. Ende Gelände hat für das gesamte Wochenende "Aktionen zivilen Ungehorsams" gegen den weiteren Kohleabbau angekündigt.

Am Samstagnachmittag blockierten Ende Gelände-Aktivisten nach Angaben der Polizei auch die Hambach-Bahn. Die Bahnstrecke verbindet den Tagebau Hambach mit mehreren Braunkohlewerken von RWE. Eine weitere Bahnstrecke vor dem Kohlekraftwerk Neurath hatten Aktivisten bereits seit Freitagabend besetzt. "Wir haben an vielen Stellen blockiert. Damit haben wir ein deutliches Zeichen gesetzt: Für den Klimaschutz muss jetzt etwas passieren", sagte Bündnissprecherin Kathrin Henneberger.  

"Das ist ein Eingriff in die öffentliche Versorgung"

RWE hatte nach eigenen Angaben zunächst vier von sechs Produktionseinheiten inklusive Baggern aus Sicherheitsgründen gestoppt. "Das ist ein Eingriff in die öffentliche Versorgung", sagte ein Unternehmenssprecher. "Aber es ist nicht so, dass wir Kraftwerke gleich abstellen müssen."

Auch die Bewegung Fridays for Future hatte zu einem Protestmarsch aufgerufen. Der Demonstration schlossen sich neben Schülerinnen und Schülern auch Familien und ältere Menschen an. Die Teilnehmer liefen am Tagebau entlang in Richtung Keyenberg. "Alle sind gegen Kohle, außer Peter, der gräbt noch einen Meter" hieß es auf einem Plakat, das Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zeigte. Zu der Demonstration waren laut Polizei 2.500 Menschen angemeldet. Die Organisatoren sprachen von 8.000 Teilnehmern.

Ein Organisationsbündnis aus Umwelt- und zivilgesellschaftlichen Gruppen, darunter Campact, BUND und Greenpeace, hatte zu dem Aktionstag unter dem Motto "Kohle stoppen – Klima und Dörfer retten" aufgerufen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich zunächst in der Nähe des Ortes Keyenberg – eines der letzten Dörfer im Revier, das für einen Tagebau abgebaggert werden soll.

Im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe warnen Wissenschaftler: Der Ausstoß von Treibhausgasen etwa aus der Verbrennung von Kohle und Öl müsste viel stärker und schneller reduziert werden. Aber die Zusagen aller Länder weltweit reichen zurzeit bei weitem nicht, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Danach soll die Erderhitzung möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden.

Diese ist voll im Gang: Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats IPCC um rund ein Grad aufgeheizt seit der vorindustriellen Zeit um 1750. Geht es weiter wie bisher, ist sie Ende dieses Jahrhunderts wohl gut drei Grad wärmer. Zu den fatalen Folgen gehören je nach Region mehr Hitzewellen, längere Dürren sowie mehr Stürme, Starkregen und Hochwasser.