Sie wollte diese Männer unbedingt einmal sehen. Wissen, ob sie Reue zeigen, ob sie gestehen und was sie dann über die monströsen Taten sagen, die sie begangen haben sollen, sagt eine junge Zuschauerin am Donnerstagmorgen. Kurz nach neun Uhr betreten die drei Männer Saal 165 des Detmolder Landgerichts. Es ist der Auftakt zum Prozess um den Missbrauchsskandal von Lügde.

Andreas V. ist einer der beiden Hauptangeklagten. Der 56-Jährige trägt blaue Jeans, graue Kapuzenjacke und T-Shirt mit Palmen-Motiv vor Sonnenuntergang. Sein Gesicht wirkt eingefallen, die Haut aschfahl. V. ist jener Mann, der laut Anklage über zwei Jahrzehnte hinweg in seiner schäbigen, zugemüllten Baracke auf dem Campingplatz Eichwald im ostwestfälischen Lügde-Elbrinxen in 298 Fällen Kinder missbraucht und dabei auch gefilmt haben soll

Neben ihm sitzt Mario S., der zweite Hauptangeklagte. Der 34-Jährige, klein gewachsen, rauschender Bart, gekrümmter Rücken, soll sich 162 Mal an Kindern vergangen haben. Der dritte Angeklagte ist Heiko V., 49 Jahre alt, glatzköpfig. In vier Fällen soll er mithilfe von Video-Livechats bei den Taten zugeschaut haben. Andreas V. und Mario S. drohen wegen schweren sexuellen Missbrauchs bis zu 15 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. Alle drei legen ein Geständnis ab.

33 Opfer, 450 Taten, 1.100 Seiten Anklageschrift

Gemeinsam sollen die Männer verantwortlich sein für den größten Fall von sexuellem Missbrauch in der Geschichte Nordrhein-Westfalens: Laut Anklage 33 Opfer, Jungen und Mädchen, zum Tatzeitpunkt zwischen vier und 13 Jahre alt, mehr als 450 Taten, Zehntausende Bilder und Videos mit kinderpornografischem Material, 1.100 Seiten Anklageschrift. Im Saal sitzen dicht gedrängt 19 Nebenklageanwälte, die 30 mutmaßliche Geschädigte vertreten. Die meisten ihrer Mandanten, manche davon heute schon erwachsen, sind in psychotherapeutischer Behandlung. "Für die Kinder ist es ein wichtiger Tag", sagt Nebenklageanwalt Roman von Alvensleben. "Es geht jetzt darum, dass die Angeklagten gestehen und den Opfern damit womöglich eine Aussage erspart bleibt."

Angeklagte legen Geständnisse ab

Mehrfach schickt Richterin Anke Grudda Journalisten und Zuschauer aus dem Saal, um die Opfer und die intimen Details aus den Taten vor der Öffentlichkeit zu schützen. Schon die Verlesung der Anklage findet ohne Zuschauer statt. Bis zum Mittag ringen die Prozessbeteiligten um Einlassungen der Angeklagten. Die Anwälte von Mario S. und Heiko V. signalisieren Bereitschaft. Nur Andreas V., der in der U-Haft zu den Vorwürfen gegen ihn beharrlich geschwiegen hatte, weigert sich zunächst.

Nach einem Rechtsgespräch kann der Anwalt den Hauptangeklagten offenbar erweichen. Denn Andreas V. lässt nach der Mittagspause seinen Verteidiger ein Geständnis verlesen. Bis auf elf Fälle räume er die Taten vollumfänglich ein. Auf eine Entschuldigung warten die Vertreterinnen und Vertreter der Nebenklage vergeblich. V. lehnt jede weitere Kooperation mit dem Gericht ab. Er werde weder für Fragen zur Verfügung stehen noch sich psychiatrisch begutachten lassen, erklärt sein Verteidiger. V. sitzt ungerührt daneben.

Auch der zweite Hauptangeklagte, Mario S., gesteht. In der U-Haft sei ihm klar geworden, "zu welch schrecklichen Taten er sich habe hinreißen lassen" und welches Leid er den Kindern angetan habe, sagt sein Verteidiger. Bis auf einen Fall aus den 1990er-Jahren habe er die Taten begangen. Dann ergreift er selbst das Wort. "Ich schäme mich", sagt er mit kaum hörbarer Stimme. Er bittet die Opfer um Entschuldigung, auch wenn ihnen das vermutlich nichts bringen werde. "Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich das gerne machen." Dann schiebt sein Anwalt noch einen Satz nach: "Wir geben diese Erklärung ab in der Hoffnung, dass sich das im Strafmaß niederschlägt."