Nach dem tödlichen Absturz zweier Eurofightern der Luftwaffe in Mecklenburg-Vorpommern gibt es Diskussionen über die Gefahr von Luftkampfübungen über Touristenregionen. Das Dorf Nossentiner Hütte war bei dem Absturz nur knapp einem größeren Unglück entgangen. Eine Maschine war unmittelbar neben dem Ortsrand auf eine Freifläche abgestürzt, die andere wenige Kilometer entfernt in ein Waldgebiet nahe Silz und Jabel.

Die beiden Eurofighter waren am Montag in der Region Malchow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte bei einer Luftkampfübung kollidiert, an der auch eine dritte Eurofighter-Maschine beteiligt war. Beiden Piloten gelang es, die Schleudersitze zu aktivieren. Einer wurde von Rettungsteams lebend aus einem Baum gerettet, der zweite tot aufgefunden. Der Zusammenstoß gilt als das schwerste Unglück der Bundeswehr in Deutschland seit Jahren. Zivile Opfer gab es nicht. 

Der überlebende Eurofighter-Pilot ist nach Bundeswehr-Angaben in einer gesundheitlich stabilen Lage. Er sei nicht lebensgefährlich verletzt worden, befinde sich aber weiter in einem Rostocker Krankenhaus. Den Umständen entsprechend gehe es ihm gut, sagte ein Presseoffizier des Geschwaders 73 Steinhoff. Nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa handelt es sich um einen der erfahrensten Fluglehrer der Luftwaffe.

"Gefahr für Menschen, Belastung für die Umwelt"

Die Linke forderte als Konsequenz aus dem Absturz ein Ende der militärischen Luftkampfübungen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie seien nicht nötig, eine Gefahr für Menschen und eine Belastung für die Umwelt, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Linksfraktion im Landtag, Peter Ritter. "Wir erwarten eine zügige Aufklärung der Ursachen für das Unglück, damit ähnliche Vorfälle verhindert und weitere Gefahren für die Bevölkerung ausgeschlossen werden können."

Der Bürgermeister von Waren an der Müritz, Norbert Möller (SPD), sprach sich ebenfalls für einen Verzicht auf militärische Übungstiefflüge in Urlauberregionen aus. "Viele Touristen haben kein Verständnis dafür, dass ausgerechnet rings um die Müritz solche Tiefflüge geübt werden", sagte Möller. Die Region um das Heilbad, zu der auch die vom Absturz betroffenen Dörfer gehören, gilt mit Hunderttausenden Gästen als beliebtes Touristenziel im Nordosten. "Man darf das gar nicht zu Ende denken, aber wir sind alle nochmal mit einem blauen Auge davongekommen", sagte Möller. Sein Mitgefühl gelte den Familien der betroffenen Piloten. Ihm sei zwar klar, dass die Flieger irgendwo üben müssten. Man solle aber prüfen, ob Tiefflüge gerade über dem größten deutschen Binnensee und den umliegenden Gewässern abgehalten werden müssten. Auch die Bürgermeisterin von Silz und Nossentin, Almuth Köhler (CDU), wo eines der verunglückten Flugzeuge abstürzte, forderte eine Prüfung für Tiefflüge. "Unser Campingplatz und eine Ferienhaussiedlung am Fleesensee sind gerade voll besetzt."

Die Bundeswehr muss dort üben, wo sie im Bedarfsfall auch verteidigt.
Henning Otte, verteidigungspolitischer Sprecher der Unionsfraktion

Die Bundes-CDU verteidigte die Luftkampfübungen. "Die Bundeswehr muss dort üben, wo sie im Bedarfsfall auch verteidigt", sagte der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Henning Otte (CDU), im Deutschlandfunk. Er äußerte sein Unverständnis zur Forderung der Linken im Schweriner Landtag, die Luftkampfübungen zu beenden. Zur Unfallursache konnte Otte am Dienstagmorgen noch nichts sagen: "Das ist viel zu früh, das wären Spekulationen. Wir müssen jetzt die Untersuchungen des Generals für Flugsicherheit abwarten." Nach jetzigem Anschein sei es ein sehr tragisches Unglück.

Auch das Verteidigungsministerium wies Spekulationen über mögliche Ursachen des Unglücks zurück. Ein Sprecher des Ministeriums äußerte sich zur Einsatzfähigkeit der Militär-Jets und sagte, diese sei deutlich gestiegen – auf aktuell rund 60 Prozent. Sollte sich diese Entwicklung fortsetzen und ein sogenannter Klarstand, also die Quote einsatzbereiter Maschinen, von 70 Prozent erreicht werden, zählte Deutschland diesbezüglich zu den besten Ländern. Als problematisch habe sich in der Vergangenheit die Wartungsdauer gezeigt: Nehme die Überholung der Flugzeuge zu viel Zeit in Anspruch, verringere sich die Zahl der verfügbaren Flugstunden. Weniger Flugstunden führten unweigerlich dazu, dass weniger Piloten einsatzfähig seien. Die Mindestzahl von 140 Flugstunden im Jahr und weiteren 40 Stunden in einem Simulator sei jedoch nicht unterschritten worden.

Normalerweise 20 Eurofighter-Starts pro Tag

Derweil hat die Polizei die Ermittlungen an die Bundeswehr abgegeben. Die Leitung übernahm der General Flugsicherheit der Bundeswehr, Peter Klement. Die Flugschreiber seien noch nicht gefunden worden, teilte der Presseoffizier des Geschwaders mit, das auf dem Luftwaffenstützpunkt Laage bei Rostock stationiert ist. In dieser Woche würden von dort voraussichtlich keine Jets mehr starten. Da die Unglücksursache noch unklar sei, werde der Flugbetrieb ausgesetzt. Auch die Crews müssten den Vorfall erst verarbeiten. 

Normalerweise starten die Eurofighter aus Laage etwa 20 Mal pro Tag. Das Gebiet, in dem sie fliegen, könne dabei jeden Tag wechseln, da es von der Deutschen Flugsicherung zugewiesen werde. Manchmal werde wie am Montag über der Seenplatte geflogen, manchmal auch über Niedersachsen, Schleswig-Holstein oder Brandenburg, hieß es von der Bundeswehr. Der Kommodore des Geschwaders, Oberst Gero von Fritschen, werde vorzeitig aus einem Auslandseinsatz zu dem Stützpunkt zurückkehren. Die Flagge wehe auf Halbmast.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) forderte die Bevölkerung auf, sich von den kilometerweit verstreuten Wrackteilen fernzuhalten. Bei der Sicherung der Unfallstelle seien wegen giftigen Rauchs bereits zwei Feuerwehrleute verletzt worden.

Bundeswehr - Pilot stirbt bei Eurofighter-Absturz In Mecklenburg-Vorpommern sind bei zwei Eurofighter zusammengestoßen. Beide Piloten betätigten den Schleudersitz. Nur einer überlebte. © Foto: Martin Meissner/AP/dpa

Die Bundeswehr besitzt insgesamt 128 Eurofighter, von diesen gelten 81 als "verfügbar" und lediglich 39 als "einsatzbereit". Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2017. Es war das letzte Jahr, in dem die Bundeswehr offiziell mitteilte, wie viele Kampfsysteme überhaupt funktionsfähig sind. Seitdem werden die entsprechenden Zahlen als geheim eingestuft – wohl als Reaktion darauf, dass viele der teuren Waffensysteme aufgrund fehlender Ersatzteile und anderer Mängel nicht eingesetzt werden können.