Der Mordverdächtige im Fall Walter Lübcke hat einem Medienbericht zufolge noch im März Kontakt mit der rechtsextremen Szene gehabt. Stephan E. habe damals an einem "konspirativen" Treffen von Mitgliedern neonazistischer Organisationen teilgenommen, berichtete das ARD-Magazin Monitor unter Verweis auf Fotos von der Zusammenkunft. Anfang der Woche hatte Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang noch gesagt, E. sei seit zehn Jahren unauffällig gewesen.

E. war dem Verfassungsschutz seit den Achtzigerjahren als Rechtsextremist bekannt. Dabei beging er laut Haldenwang auch politisch motivierte Straftaten und war seitdem "auf dem Radar des Verfassungsschutzes". Sein letzter Eintrag beim Verfassungsschutz stamme allerdings aus dem Jahr 2009, danach sei es ruhiger um ihn geworden, hatte Haldenwang auf einer Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) gesagt.

Dem Monitor-Bericht zufolge nahm E. am 23. März an einer "konspirativen" rechten Veranstaltung im sächsischen Mücka teil. Dort sei er zusammen mit Mitgliedern der neonazistischen Organisationen Combat 18 und Vereinigung Brigade 8 fotografiert worden. Monitor wertete die Bilder nach eigenen Angaben in Zusammenarbeit mit einem Gutachter aus, der diese als authentisch eingestuft habe. Combat 18 wurde als bewaffneter Arm des Neonazinetzwerks Blood and Honour gebildet, das wiederum als zentrale Unterstützergruppe der Terrorvereinigung NSU gilt.

Gemeinsame Vergangenheit in der Neonaziszene

Die von dem ARD-Magazin ausgewerteten Fotos von dem Treffen in Mücka zeigen dem Bericht zufolge außer E. unter anderen Stanley R., der als eine zentrale Figur des deutschen Combat 18 gilt. Beide haben demnach eine gemeinsame Vergangenheit in der Neonaziszene und nahmen zum Beispiel im Jahr 2002 gemeinsam an einer NPD-Wahlkampfveranstaltung teil.

Innenminister Seehofer kündigte an, dass sein Ministerium die neuen Informationen prüfen werde. Er wisse bisher nichts von dem rechtsextremen Treffen im März, bei dem E. dabei gewesen sein soll. Seines Wissens nach gebe es den letzten behördlichen Eintrag von Stephan E. aus dem Jahr 2009. "Wir haben aber immer gesagt, dass das nicht bedeutet, dass er nicht mit irgendwelchen Leuten Kontakt hatte", sagte Seehofer. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass er auch nach 2009 mit der rechtsextremen Szene vernetzt gewesen sei.

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses erschossen worden. Am Wochenende wurde der 45-jährige E. als dringend Tatverdächtiger festgenommen. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen und stufte die Tat als "politisches Attentat" ein.

Lübcke stand offenbar auch auf Liste des NSU

Einem Bericht zufolge war Lübcke auch ein mögliches Ziel des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Die 2011 aufgeflogene Terrorvereinigung habe den Kasseler Regierungspräsidenten auf ihrer Liste mit 10.000 Namen von Personen und Objekten geführt, berichtete der Berliner Tagesspiegel unter Berufung auf Sicherheitskreise. Lübcke sei im hinteren "8.000-er Bereich" der Liste aufgeführt.

Erstaunlich sei demnach, dass er schon so frühzeitig auf der Liste stand. Denn beschimpft wurde Lübcke von Rechten erst ab 2015, vier Jahre nach dem Ende des NSU. Lübcke hatte im Oktober 2015 bei einer Einwohnerversammlung den Bau einer Unterkunft für Flüchtlinge verteidigt. Daraufhin folgten Angriffe in sozialen Netzwerken und Morddrohungen.