Ein Jahr ist es her, dass der Vorsitzende Richter im Münchner Oberlandesgericht das Schlusswort sprach in dem größten Verfahren gegen rechtsextremen Terrorismus in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Manfred Götzl bedankte sich bei allen, "die die Durchführung der Hauptverhandlung ermöglicht" hatten. Das war das Ende des NSU-Prozesses. Mehr als fünf Jahre hatte er gedauert. Am Ausgang des Verfahrens standen lebenslange Haft für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und Gefängnisstrafen für die vier Mitangeklagten in teils homöopathisch anmutenden Dosen.

Urteil verkündet, Fall abgeschlossen? Ganz so einfach ist es nicht, denn tatsächlich ist der NSU-Prozess noch nicht beendet. Richter Götzl muss noch die schriftliche Urteilsbegründung vorlegen, eine wohl Tausende Seiten zählende Abhandlung, in der das Gericht seine Interpretation der Beweise erklärt und die Strafmaße begründet. Bei der Urteilsverkündung hatte er den Gegenstand des Verfahrens lediglich knapp zusammengefasst, wie es in deutschen Strafprozessen üblich ist – wobei knapp in dem Mammutverfahren mehrere Stunden bedeutete.

Laut Strafprozessordnung hat der Richter sogar noch bis März kommenden Jahres Zeit, um den ausführlichen Schriftsatz einzureichen. Wann das Dokument tatsächlich kommt, darüber ist nichts bekannt. Entsprechend wächst bei den Prozessbeteiligten die Ungeduld: "Ich bin erstaunt, dass die Begründung noch nicht da ist", sagt die Anwältin der Nebenklage, Antonia von der Behrens, die den Sohn des 2006 in Dortmund getöteten Kioskbesitzers Mehmet Kubasik vertritt.

Rechtsfrieden nach dem Urteil?

Dass sich bei den Teilnehmern Unruhe breitmacht, ist wenig verwunderlich: Denn erst auf Grundlage der Begründung können die Prozessbeteiligten – Verteidiger, Anklage und die Opfervertreter der Nebenklage – dem Bundesgerichtshof Begründungen vorlegen, um per Revision gegen das Urteil vorzugehen. Und viele Seiten haben an Götzls Entscheidung etwas auszusetzen. Von Frieden kann also keine Rede sein in dem Verfahren rund um den Nationalsozialistischen Untergrund, dessen Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen aus rassistischen und staatsfeindlichen Motiven umbrachten. Hinzu kamen drei Bombenanschläge mit Dutzenden Verletzten und 15 Banküberfälle. Nach dem letzten im November 2011 töteten sich Mundlos und Böhnhardt selbst, als einziges NSU-Mitglied blieb Beate Zschäpe übrig.

Alle Verteidiger haben bereits formal Revision eingelegt, auch Zschäpes Anwalt Mathias Grasel. Wann der Schriftsatz kommt, ob in ein paar Wochen oder Monaten, "das ist mir egal", sagt er. Und das, obwohl der Prozess ihm weiter sein Leben diktiert: Für ihn sind weiterhin nur Kurzurlaube möglich, keine langen Reisen, weil die Begründung für die Revision binnen eines Monats beim Gericht sein muss.

Gamze Kubasik, Tochter des Dortmunder Mordopfers Mehmet Kubasik, geht in Begleitung ihres Anwalts Sebastian Scharmer auf das Gerichtsgebäude zu. © Tobias Hase/dpa

Einigermaßen entspannt sind nur die, die das Urteil grundsätzlich akzeptieren – wie der Anwalt Bernd Behnke, der als Vertreter der Nebenklage am Verfahren teilgenommen hat. "Mein Mandant ist mit dem Urteil zufrieden, es ist für ihn eine Genugtuung", sagt er. Behnkes Mandant ist Ahmet Turgut, der Bruder des 2004 in Rostock erschossenen Mehmet Turgut. "Mit dem Urteil ist der Weg zum Rechtsfrieden geöffnet", sagt Behnke.

Anders als der Anwalt will die Bundesanwaltschaft gegen den Richterspruch vorgehen. Ihr ist das Urteil gegen den Mitangeklagten André Eminger mit zweieinhalb Jahren Haft deutlich zu niedrig. Der 39-Jährige ist derzeit in Freiheit, ebenso wie zwei weitere Mitangeklagte. Beate Zschäpe ist hinter Gittern geblieben, und auch der Mitangeklagte Carsten S. hat seine Gefängnisstrafe angetreten, nachdem er die Revision zurückgezogen hat.