Hunderte Bürgerinnen und Bürger haben am Mittag an einer Mahnwache für den ermordeten Kasseler Regierungschef Walter Lübcke (CDU) in dessen Heimatstadt Wolfhagen teilgenommen. "Der Marktplatz war voll", sagte der Dekan des Evangelischen Kirchenkreises, Gernot Gerlach, der Deutschen Presse-Agentur. Es seien mehr Menschen gekommen als erwartet. Der Kirchenkreis Wolfenhagen und die Stadt hatten zu der Mahnwache aufgerufen.

Während der Mahnwache entzündete der Dekan drei Kerzen, darunter eine "für alle Anwesenden, die dem Zerstörungswahn der Rechtsextremisten widerstehen und sagen: Halt, stopp!" Der Täter habe Lübcke zwar das Leben genommen, könne ihm aber nicht seine Würde rauben. Gerlach sagte, Lübcke sei "als Christ ermordet worden". Es habe ihn ausgezeichnet, "dass er sich mit einer klaren Haltung des christlichen Glaubens politisch eingebracht hat". Grundlage und Orientierung von Lübckes Handeln, auch seines Einsatzes für Geflüchtete, sei ein Zitat von Jesus aus dem Matthäus-Evangelium gewesen: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Merkel: "Eine große Aufforderung, auf allen Ebenen noch einmal zu schauen, wo es rechtsextreme Tendenzen oder Verwebungen gibt"

Lübckes Ermordung hat eine Debatte über rechtsextremen Terror in Deutschland ausgelöst. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) rief am Samstag in der Bild-Zeitung dazu auf, gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Samstag auf dem Kirchentag, gewaltbereite Neonazis müssten "in den Anfängen und ohne jedes Tabu" bekämpft werden. Der Mord an Lübcke sei "nicht nur eine furchtbare Tat, sondern für uns auch eine große Aufforderung, auf allen Ebenen noch einmal zu schauen, wo es rechtsextreme Tendenzen oder Verwebungen gibt". Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat angekündigt, den Kampf gegen Rechtsextremismus deutlich zu verstärken. Er sei zu "einer echten Gefahr geworden".

Walter Lübcke war in er Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses in Wolfhagen-Istha erschossen worden. Dringend tatverdächtig ist Stephan E. Der 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft stuft das Verbrechen als politisches Attentat mit rechtsextremem Hintergrund ein.

Hier finden Sie die gesamte Berichterstattung von ZEIT ONLINE zum Mord an Walter Lübcke.