Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) richtet zum 1. Juli eine zentrale Anlaufstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs ein. Bei einem Expertenfachtag zur Aufarbeitung des Skandals um sexuellen Missbrauch in Hannover kündigte die EKD die Gründung einer unabhängigen Stelle an, an die Betroffene sich wenden können. Diese Maßnahme ist der erste Schritt eines Elf-Punkte-Plans, den die EKD auf der Jahrestagung des Kirchenparlaments in Würzburg im vergangenen November beschlossen hatte.

Mit der Gründung der Anlaufstelle werde ein Anliegen umgesetzt, dessen Dringlichkeit Betroffene "immer wieder eindrücklich geschildert" hätten, sagte die Bischöfin Kirsten Fehrs, Sprecherin des EKD-Beauftragtenrats. Bislang hätten es die dezentralen Strukturen in der evangelischen Kirche erschwert, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Mit der Einrichtung der "Zentralen Anlaufstelle.help" soll diese Hürde wirksam abgebaut werden. Für die Versorgung der Anlaufstelle mit Personal hat die EKD einen Vertrag mit der Fachberatungsstelle Pfiffigunde Heilbronn e. V. geschlossen. Die dort geschulten Fachkräfte sollen Betroffenen künftig für Beratungsgespräche zur Verfügung stehen.  

An der Tagung in Hannover nahmen mehr als 40 Expertinnen und Experten teil, darunter Wissenschaftler und Betroffene. Der Fokus des Treffens lag auf der Konzeption einer wissenschaftlichen Studie zur Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist beauftragt, eine öffentliche Ausschreibung auszuarbeiten. Bis Ende 2021 sollen erste Ergebnisse vorliegen. "Besonders wichtig finden wir, dass auch Betroffenen eine bedeutsame Rolle im Rahmen der Aufarbeitung zukommen soll", sagte Professor Ingo Schäfer, Leiter der Arbeitsgruppe Trauma und Stressforschung am Klinikum Hamburg-Eppendorf, der auch das Studienprojekt betreut. Außerdem berieten die Expertinnen und Experten über eine ebenfalls geplante Dunkelfeldstudie. Derzeit sind rund 600 Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche bekannt.

Betroffene halten die Aufarbeitung für unzureichend

Bereits im März hatten sich die EKD und der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs darauf verständigt, bis Herbst 2019 Eckpunkte einer Vereinbarung zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Kirche aufzustellen. Mit dem gemeinsamen Arbeitsprozess soll ein Beitrag zur Entwicklung von Standards guter Aufarbeitung geleistet werden.

Die Betroffenengruppe Missbrauch in Ahrensburg e. V. hatte die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche als unzureichend kritisiert. Die bisherigen Schritte blieben "weit hinter den Erwartungen der Betroffenen zurück", erklärten die Sprecher der Initiative, Anselm und Stephan Kohn. Die EKD solle "tätige Reue" durch Kompensation und Entschädigung zeigen. Der Fall von Ahrensburg gilt als der bisher größte Missbrauchsskandal in der evangelischen Kirche.

Mit Blick auf den 2014 veröffentlichten Bericht der Nordkirche über die Missbräuche und Aufarbeitungsbemühungen in Ahrensburg kritisiert die Betroffenengruppe, von den darin enthaltenen Empfehlungen sei "bis heute nur ein Bruchteil" umgesetzt worden. Als "Nachweis ernsthaften Aufarbeitungswillens" fordert die Initiative "eine Art Gauck-Behörde für Missbrauchsinformationen".

Eine allgemeine, einheitliche Regelung zur Entschädigung von Missbrauchsopfern lehnt die Evangelische Kirche derzeit ab: "Das Thema Entschädigungen muss jede Landeskirche selber regeln", sagte der Oberkirchenrat Nikolaus Blum dazu.