Im Januar 2004 tauchte Stephan E. dann nachweislich auf einer Demonstration des Volkstreuen Komitees für gute Ratschläge im hessischen Gladenbach auf. Dort marschierte er Seite an Seite mit hartgesottenen Rechtsextremen. Als einer von Dutzenden wurde er bei diesem Anlass von der Polizei überprüft. So wie mindestens zwei Mitglieder des verbotenen Neonazinetzwerks Blood and Honour, die auch mitmarschierten. Und wie ein weiterer Mann, der wiederum mit Ralf Wohlleben in Kontakt stand und ihm mindestens einmal Geld überwies – Wohlleben wurde später als Unterstützer des NSU verurteilt. Jener Mann gilt den deutschen Sicherheitsbehörden als "aktive Leitfigur des neonazistischen Spektrums". Dass lässt sich auch über ein Mitglied der Rechtsrockband Noie Werte sagen, deren Lieder Jahre darauf im NSU-Bekennervideo laufen sollten. Und über die Führungsfiguren verschiedener Kameradschaften, die damals ebenfalls mitliefen. Und über den seit Jahrzehnten einschlägigen Neonazi aus Nordhessen, bis heute aktives NPD-Parteimitglied, der sich kürzlich im Gespräch mit der ZEIT selbst als "Nationalsozialist" bezeichnete.

Noch bis 2009 lässt sich nachweisen, dass Stephan E. tief in die rechte Szene verstrickt ist. Als am 1. Mai 2009 rund 400 Neonazis vom Dortmunder Hauptbahnhof zur Maikundgebung des DGB laufen und die Teilnehmer mit Steinen, Holzstangen und Fäusten angreifen, ist Stephan E. mittendrin. Etliche Polizisten werden bei der Schlägerei verletzt. Mehr als einem Dutzend Rechtsextremisten wird anschließend der Prozess wegen – unter anderem –  Landfriedensbruch gemacht. Unter ihnen sind nicht nur führende Köpfe der westdeutschen Neonaziszene, sondern auch Stephan E. Vom Amtsgericht Dortmund erhielt der damals 36-Jährige am 10. April 2010 wegen Landfriedensbruch in einem besonders schweren Fall eine siebenmonatige Freiheitsstrafe auf Bewährung.

Auch ins Umfeld der rechtsextremistischen Gruppierung Combat 18 reichen seine Verbindungen in jenen Jahren mutmaßlich, wo ganz unverhohlen mit dem Terrorbegriff kokettiert wird.

Und Stephan E. war zu jenem Zeitpunkt selbst als Gewalttäter in Erscheinung getreten. Diese Taten verübte er allerdings im Alleingang: 1993 einen Angriff auf ein Asylbewerberheim mithilfe eines selbst gebastelten Sprengsatzes; bereits 1992 einen versuchten Totschlag an einem ausländisch aussehenden Menschen, durch den er sich provoziert gefühlt hatte.

Stephan E. ist also als beides aktenkundig: als Einzeltäter ebenso wie als Gruppenaktivist.

Vor etwa zehn Jahren schien sich Stephan E.s Karriere abzukühlen. Er trat seither strafrechtlich nicht mehr in Erscheinung.

Das hatte greifbare Folgen.

Denn während E. früher durchaus im Nadis, dem nachrichtendienstlichen Informationssystem des Bundesamtes und der Landesbehörden für Verfassungsschutz, erfasst gewesen sein muss, war er das zum Zeitpunkt des Mordes an Walter Lübcke nach Informationen von ZEIT ONLINE nicht mehr. Das dürfte daran liegen, dass Nadis-Einträge den gesetzlichen Vorgaben folgend nach fünf Jahren gelöscht werden, falls keine neuen Hinweise auftauchen.

In Hessen durchforstet nun ein Dutzend Verfassungsschützer die Akten der Behörde – sie suchen nach möglichen bisher nicht aufgefallenen Querverbindungen anderer Rechtsextremisten zu Stephan E.

Auch als Gefährder war E. nicht eingestuft. Dieser Polizeibegriff beschreibt Personen, denen die Planung eines Anschlages oder einer schweren extremistisch motivierten Gewalttat zugetraut wird. Er sei eben lange nicht durchs Bild gelaufen, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Nun versuchen die Ermittler, alle beschlagnahmten Asservate, darunter wohl ein Handy und ein Laptop, daraufhin zu untersuchen, ob sich Mitwisser finden lassen. Mit wem hat er zuletzt telefoniert, sich verabredet, gechattet – solche Informationen können helfen, die Frage aufzuklären, ob die erste Ermordung eines aktiven Politikers aus mutmaßlich rechtsextremistischen Motiven nach Kriegsende die Tat eines Einzelnen oder einer Gruppe war.

Denn Stephan E. selbst schweigt bisher.