Die Kundinnen waren im Schlangestehen geübt. © Lisa Larsen/The LIFE Picture Collection/Getty Images

In der DDR war Mangel eine zentrale Erfahrung. Hungern musste niemand, aber Südfrüchte gab es nur selten. Auf ein neues Auto musste man jahrelang warten. Für andere Produkte, etwa flauschige Handtücher, Baumaterialien oder Backzutaten, musste man lange anstehen. Für manche Produkte stellten sich DDR-Bürger schon mitten in der Nacht an – ohne Garantie, die Waren am Ende wirklich zu bekommen. "Sozialistische Wartegemeinschaft" nannten sich die Schlangensteher selbstironisch.

Sigrid Hebestreit © Michael Schlieben für ZEIT ONLINE

Der Kunde in der DDR – er war bestimmt kein König. Oft musste er flexibel, geduldig und freundlich sein, um etwas zu bekommen. Der Unmut der Konsumenten richtete sich nicht selten gegen die Verkäuferinnen und Verkäufer. "Das war für uns nicht leicht. Wir waren Buhmann der Nation", sagt Sigrid Hebestreit in der neuen Ausgabe des ZEIT-ONLINE-Podcasts Wie war das im Osten?. "Wir haben die Kritik in voller Breitseite abbekommen." Das habe sie und viele Kolleginnen sehr belastet.

In den Achtzigerjahren begann Hebestreit ihre Lehre bei Konsum, einer der großen Handelsketten der DDR. Sie stieg schnell auf, obwohl die meisten Kollegen in Führungspositionen männlich und deutlich älter waren. Bereits mit 28 Jahren war sie Vorstandsvorsitzende der Konsumgenossenschaft Weimar. Damit war sie Chefin von über 1.200 Mitarbeitern und mehr als 350 Läden. Auch nach der Wende blieb sie in der Branche – mit Erfolg. Inzwischen gilt sie als eine der wichtigsten Modehändlerinnen Ostdeutschlands.

Werbung im Sozialismus

Im Podcast spricht sie über die Konsumgewohnheiten des Ostens vor und nach der Wende. Sie weiß, wie beliebt Rotkäppchen-Sekt war und wie begehrt die Westprodukte im Intershop. Sie erklärt, wie die Preise in der DDR festgelegt wurden und welche Nachteile die Fünfjahrespläne der SED hatten, gerade für das Modebusiness. Sie beschreibt, was das heutige Shoppen von der damaligen "Bedarfsdeckung" unterscheidet – und wie Werbung im Sozialismus funktionierte. 

Als Verkäuferin im sozialistischen System musste man Strategien beherrschen, die im Kapitalismus weniger gefragt sind: Gab es beispielsweise doch mal Bananen, musste man sich gut überlegen, wie man diese verteilt. Schließlich sah man sich selbst nicht als Gegner der Kunden, sondern als Versorger und Dienstleister: "Wir wollten den Kunden glücklich machen." Das hatte auch betriebswirtschaftliche Gründe: Auf gute Umsatzzahlen wurde in der DDR Wert gelegt.

Aber Hebestreit betont auch die positiven Effekte des damaligen Wirtschaftssystems. In Zeiten des Mangels war die Freude umso größer, wenn man tatsächlich etwas bekam. Während heute oft Überfluss herrsche, sei die Wertschätzung damals eine andere gewesen. Wegen der großen Konkurrenz an Anbietern und Produkten müssen die Läden heute viel härter um die Kunden kämpfen. Das hat auch zur Folge, dass man im Kapitalismus mit weniger Personal auskommen muss, da sich so Kosten sparen lassen. Zu DDR-Zeiten war vielleicht das Serviceverständnis weniger ausgeprägt als heute, dafür war der Zusammenhalt unter den Mitarbeiterinnen besser. 

Die SED half bei der Karriere

Hebestreit bezeichnet sich selbst als "Kind der DDR". Sie spricht über ihre Zeit in der SED, die ihrer Karriere sicher nicht schadete: Für Vorstände und Führungspersonal war die Parteizugehörigkeit üblich. Hinzu kam, dass sie als geförderte Tochter eines Landwirtes eine Zeitlang an den Arbeiter- und Bauernstaat glaubte. Ihre Erinnerungen an die SED sind nicht nur negativ: Hier habe man sich gegenseitig geholfen. Allerdings erkannte sie bald auch die Schwächen und Lebenslügen der Staatspartei und der Gewerkschaft, was dazu führte, dass sie die SED vor dem Fall der Mauer wieder verließ. 

Nach der Wende begeisterte sie die neue bunte Warenwelt. Sie reiste nach Westdeutschland, um die dortigen Supermärkte zu studieren, und genoss die Möglichkeit, nun ganz anders unternehmerisch tätig zu werden.

Aber sie spricht auch über ihre "Angst vorm Kapitalismus" und seine unschönen Seiten: Sie musste Angestellte entlassen und Filialen schließen. Außerdem beobachtete sie, welche Produkte nach der Wende als erste aus den Regalen flogen – mangels Nachfrage. Und welche Folgen das für die lokalen Produzenten hatte.

Es gibt viel zu erzählen – hören Sie das komplette Gespräch! Hier die weitere Inhaltsübersicht mit Minutenangaben: 

0:00 Was vermissen Sie an der DDR, Frau Hebestreit?

5:50 Leben im Mangel – Konsum in der DDR

12:01 Lieblingsprodukte im Osten

36:40 Rubrik Osthumor

38:00 Karriere als Frau in der DDR und mit der SED – Sigrid Hebestreit und ihr Leben

1:11:30 Rubrik Mach's yourself

1:14:10 Konsum-Marken und HO – wie Wirtschaft mit Fünfjahresplan funktioniert 

1:35:45 Rubrik Poesiealbum

1:38:50 Euphorie und Entlassungen – die Zeit nach der Wende 

2:00:35 Was ist das Beste an der Wiedervereinigung?

Wenn Sie Anregungen, Kritik oder Gästevorschläge haben, freuen sich Moderator Michael Schlieben und Moderatorin Valerie Schönian über Ihre E-Mail an: wiewardas@zeit.de.