Andreas Hollstein ist Bürgermeister der Kleinstadt Altena in Nordrhein-Westfalen. Er bekommt regelmäßig Morddrohungen, zuletzt kurz nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. 2015 hat der CDU-Politiker in seiner Stadt 100 Flüchtlinge mehr aufgenommen, als ihm zugeteilt worden sind und die Personen dezentral in seiner Stadt untergebracht. Im November 2017 attackierte ihn ein Mann in einem Dönerimbiss, beschimpfte ihn wegen seiner Flüchtlingspolitik und verletzte ihn mit einem 30 Zentimeter langen Messer am Hals. Hollstein sagt, der Umgangston gegenüber Kommunalpolitikern werde seit Jahren rauer. Trotzdem: Seinen Job aufgeben wolle er nicht.

ZEIT ONLINE: Ist Kommunalpolitiker ein gefährlicher Beruf?

Andreas Hollstein: Das war es bisher nicht. Aber die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen leider, dass es eine starke Zunahme an verbaler und körperlicher Gewalt gegen Kommunalpolitiker gegeben hat. So viele Fälle von Missachtungen, Beschimpfungen und Beleidigungen gab es früher nicht. Einige Verwaltungen haben jetzt allerhand Alarmknöpfe eingerichtet. Und in dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke findet diese Entwicklung ihren traurigen Höhepunkt.

ZEIT ONLINE: Sie haben kurz vor und kurz nach dem Mord an Walter Lübcke Morddrohungen erhalten. Was waren das für Nachrichten?

Hollstein: Kurz nach dem Mord an Herrn Lübcke gingen E-Mails mit Morddrohungen an die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker und mich. Der Absender nannte sich Staatsstreichorchester, die verschicken seit Monaten Drohungen an alle möglichen Personen. Aber wir haben auch wenige Tage vor dem Mord, am 27. Mai, im Büro einen Anruf bekommen, den meine Mitarbeiterin entgegennahm und in dem ein älterer Herr mit ruhiger Stimme eine Drohung aussprach: Ein weiterer Angriff auf mich stünde unmittelbar bevor – und diesmal würde er erfolgreich sein.

ZEIT ONLINE: Machen Ihnen diese Drohungen Angst?

Hollstein: Ein gutes Gefühl geben einem Morddrohungen sicherlich nicht. Ich habe ja auch eine Frau und vier Kinder. Aber ich habe schon so einige Drohungen in den vergangenen Jahren erhalten, da lernt man mit umzugehen. Dennoch ist das kein besonders positives Klima für den Einsatz für das Gemeinwesen.

ZEIT ONLINE: Dachten Sie jemals daran, Ihren Job aufzugeben?

Hollstein: Nein, obwohl ich, als ich angegriffen wurde, einen kurzen Moment lang dachte, das war's jetzt. Für mich stand außer Frage, dass ich weitermache. Und meine Frau und alle vier Kinder haben diese Entscheidung mitgetragen. Sie tragen sie noch immer, auch nach dem Mord an Walter Lübcke. Ich gäbe ja klein bei, wenn ich aufhörte. Und genau das ist es, was diese Leute wollen.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie?

Hollstein: Sie wollen verunsichern. Auch der Mord an Lübcke verunsichert. Das ist eine schlimme Grenzverschiebung. Mit dem Ziel, das Gefühl zu verbreiten, dass der Staat seine Bürger nicht mehr schützen kann. Ich habe als Kind noch die RAF-Zeit erlebt. Das war keine schöne Situation, als das Auto angehalten wurde und die Beamten zur Routinekontrolle eine Maschinenpistole ins Auto hielten.

Eine verunsicherte Gesellschaft ist angreifbar und anfällig für autoritäre Führungspersonen. Ich mag mir nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Angriffe wie auf Herrn Lübcke, Henriette Reker oder auch auf mich zur Tagesordnung gehörten. Dann würden nicht mehr die richtigen Leute für die Räte kandidieren. Das haben Sie ja jetzt schon stellenweise, dass ehrenamtliche Bürgermeister gar nicht mehr zu finden sind.