Stefan Schmidt ist Kapitän und Flüchtlingsbeauftragter von Schleswig-Holstein. 2004 war er für die Hilfsorganisation Cap Anamur mit dem gleichnamigen Schiff auf dem Mittelmeer unterwegs und rettete fast 40 Menschenleben. Wie nun die Kapitänin der "Sea-Watch 3" wurde Schmidt damals von italienischen Behörden festgenommen. 

ZEIT ONLINE: Herr Schmidt, Sie waren 2004 Kapitän der Cap Anamur und in einer ähnlichen Lage wie heute Carola Rackete, die Kapitänin des Rettungsschiffs Sea-Watch 3. Was ist damals passiert?

Stefan Schmidt:
Im Juni 2004 haben wir im Mittelmeer ein untergehendes Schlauchboot mit 37 Menschen an Bord angetroffen. Natürlich haben wir diese Menschen, die wahrscheinlich eine halbe Stunde später ertrunken wären, gerettet, und wollten sie in Italien an Land bringen. Das wurde uns zwei Wochen lang verwehrt. Dann wurde die Situation an Bord so brenzlig, dass wir trotzdem nach Sizilien gefahren sind. Ich bin zusammen mit zwei Crewmitgliedern eine Woche lang eingesperrt worden. Das war offenbar eine Weisung aus Rom.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Menschen vor Ort Sie behandelt?

Schmidt: Die Polizisten, die uns ins Gefängnis fuhren, haben uns erst mal ein Eis ausgegeben und sich entschuldigt. Die Italiener haben uns von vorn bis hinten geholfen. Im Gefängnis konnten wir auf einem kleinen Fernseher sehen, dass jeden Tag Hunderte Menschen auf die Straße gegangen sind und unsere Freilassung gefordert haben. Der Unterschied zwischen Politik und Bürgern war schon sehr beeindruckend.

ZEIT ONLINE: Wie waren die Reaktionen aus Deutschland?

Schmidt: Die waren zunächst sehr fies. Einige Medien behaupteten, wir hätten die Leute gar nicht gerettet, sondern aus Afrika mitgebracht, um den Verein Cap Anamur berühmt zu machen. Bis sich Anfang 2009 Günter Grass symbolisch in unser Boot setzte und uns verteidigt hat. Dann hat sich auch der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble für uns eingesetzt. Da haben wir Hoffnung geschöpft, dass wir nicht überall als Verbrecher angesehen werden.

ZEIT ONLINE: Eine Woche lang saßen Sie im Gefängnis, fünf Jahre später kam der Freispruch. Was passierte dazwischen?

Schmidt: Ich konnte nicht mehr als Kapitän zur See fahren, weil ich jeden Monat in Italien vor Gericht sein musste. Ich habe wieder als Honorardozent in Lübeck an der Seemannsschule unterrichtet. Mit Flügen und Anwaltskosten hat das Verfahren den Verein etwa eine Million Euro gekostet. Im Oktober 2009 wurden wir freigesprochen vom Vorwurf der bandenmäßigen Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall.

ZEIT ONLINE: Sie haben Menschenleben gerettet und wurden deshalb angeklagt. Wie passte das in Ihrem Kopf zusammen?

Schmidt: Man merkt, dass es nicht immer gerecht zugeht. Und wenn ich Ungerechtigkeit spüre, werde ich immer sturer. Ich habe angefangen, Vorträge zu halten über das, was dort passiert. Auch deshalb bin ich 2011 zum Flüchtlingsbeauftragten von Schleswig-Holstein gewählt worden.

ZEIT ONLINE: Als Sie 2004 mit den Geflüchteten an Bord vor Sizilien lagen, wurde Ihnen da die Einfahrt verboten?

Schmidt: Ja, per UKW kam: You have no permisson to enter Italian waters, was natürlich total illegal ist. Einem europäischen Schiff, das Menschen gerettet hat, die Einfahrt in die nationalen Gewässer zu verweigern. Aber ich wollte mich nicht streiten, ich habe das Schiff umgedreht. Wir haben so lange gewartet, wie wir konnten. Als nach zwei Wochen zwei der Geflüchteten auf der Reeling standen und springen wollten und nur knapp gerettet wurden, habe ich dem Staat ein Ultimatum gesetzt: Entweder ihr lasst uns einlaufen, oder ich mache einen internationalen Seenotfall daraus, das kann man nämlich als Kapitän.