Ihr Ton ist ruhig, die Wortwahl nüchtern, als Carola Rackete im Halbdunkel der Kommandobrücke ihre Entscheidung in die Kamera spricht. Es ist Samstagnacht, 23.30 Uhr, die Sea-Watch 3 liegt vor dem Hafen der italienischen Insel Lampedusa. Vor Tagen haben die Helfer an Bord den Notstand ausgerufen. Doch das von dem rechtspopulistischen Innenminister Matteo Salvini mitregierte Italien verweigert dem Schiff die Einfahrt in den Hafen von Lampedusa, weil an Bord 40 Flüchtlinge sind, die Racketes Team knapp 50 Seemeilen vor Libyen von einem Schlauchboot holte. "Deshalb habe ich mich entschlossen", sagt Rackete in dem auf Facebook geposteten Video, "selbstständig im Hafen anzulegen, der nachts gerade frei ist." In anderthalb Stunden werde man an der Pier liegen. 

Kaum hatte das Schiff festgemacht, nahm die Polizei die 31-jährige Kapitänin in Gewahrsam. Tagelang stand sie im Örtchen Lampedusa unter Hausarrest und wartete ab, bis die italienische Justiz den Arrest aufhob. Der gegen sie erhobene Vorwurf: unerlaubte Einfahrt in die Gewässer des Landes, auf Rackete könnte deshalb eine hohe Geldstrafe zu kommen. Weiterhin hatte die Sea-Watch 3 beim Einlaufen in den Hafen ein Boot der militärisch organisierten Finanzpolizei touchiert. Für Widerstand gegen ein Kriegsschiff sieht das italienische Gesetz bis zu 13 Jahre Haft vor. Wegen Begünstigung illegaler Migration wird ebenfalls gegen Rackete ermittelt. 

Wer ist die Seenotretterin, die dem Hardliner Salvini die Stirn bietet? Kollegen von Sea-Watch beschreiben Carola Rackete als besonnene Frau, die sich nicht in den Vordergrund drängt. In den Videoaufnahmen vom Gewühl der Menschen an Bord – italienische Oppositionelle und viele andere Unterstützer frequentierten dieser Tage das Schiff – fällt die schlanke Frau in dem Tanktop nicht sofort auf. In den Interviews, die sie in den vergangenen Tagen vor Kameras gab, wirkt Rackete fokussiert. Sie vermittelt den Eindruck, dass ihr Schiff unter dem Kommando einer selbstbewussten, verantwortungsvollen und entschlossenen Frau steht, die sich der Konsequenz ihrer Entscheidungen bewusst ist.

Diesen Eindruck bestätigt auch ihr Vater. "Sie weiß immer, was sie macht, und sie ist eine starke Frau", sagte er der italienische Zeitung Corriere della Sera. Racketes Familie kommt aus Niedersachsen. Nach dem Abitur 2007 studierte sie an der Jade Hochschule Wilhelmshaven und machte einen Bachelorabschluss in Schifffahrtskunde, wie ihr LinkedIn-Profil zeigt. An der britischen Edge Hill University absolvierte sie demnach ein Masterstudium, sie gibt an, fünf Fremdsprachen zu sprechen, darunter Russisch.

Rackete fährt seit 2011 zur See, ihre Missionen führen sie in die Ecken der Welt: ins Nordpolarmeer, nach China, in die Antarktis. Den Einstieg bildete 2011 eine Forschungsreise im Auftrag des Helmholtz-Zentrums. 2014 arbeitete sie für acht Monate in Fernost auf Kamtschatka in einem UN-Schutzgebiet, dann auf einem Expeditionskreuzfahrtschiff, und 2015 war sie Zweite Kapitänin auf einem Schiff von Greenpeace. 2018 führte sie Kreuzfahrtpassagiere durch die russischen und norwegischen Polargebiete, darunter Spitzbergen und das Franz-Josef-Land. Die meisten der Missionen auf ihrer Liste standen im Dienst des Umweltschutzes. 

Seenotrettung - Carola Rackete an unbekannten Ort gebracht Laut Sea-Watch wird die Kapitänin bedroht, ihr aktueller Aufenthaltsort bleibe daher geheim. Italiens Innenminister Matteo Salvini will Rackete schnell ausweisen lassen. © Foto: Guglielmo Mangiapane/Reuters

Überzeugung, richtig zu handeln

2016 engagierte sich Rackete bei Sea-Watch als Freiwillige bei einer Rettungsmission vor Libyen; 2017 stieg sie zur Koordinatorin verschiedener schiffbasierter Rettungsmissionen auf und koordinierte den Einsatz von Suchflugzeugen. 2016 war sie auch erstmals Kapitänin, auf dem Schiff Sea-Watch 2. Als im Juni 2019 das Rettungsschiff Sea-Watch 3 in See stechen wollte, fiel ein Kapitän aus, wie Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer ZEIT ONLINE sagte. Rackete sei eingesprungen. 

Während Racketes Schiff nach Lampedusa unterwegs war, holten Helfer bereits 13 der aufgenommenen Flüchtlinge von Bord. Es waren medizinische Notfälle, unter ihnen Frauen und Kinder. Bei vielen Zurückgebliebenen sank die Hoffnung, wie eine Kollegin Racketes ZEIT ONLINE sagte. "Manche haben gedroht, von Bord zu springen." Andere äußerten Selbstmordgedanken.

Einem Schiffsführer ist dann klar, dass er den nächstgelegenen sicheren Hafen ansteuern muss. Und der war zu dem Zeitpunkt nicht Tripolis in Libyen, sondern Lampedusa. "Wenn ich nicht mehr für die Gesundheit und das Überleben aller garantieren kann, würde ich in einen gesperrten Hafen einlaufen", sagt Ingo Wert, ein ehemaliger Sea-Watch-Kapitän, ZEIT ONLINE. "Wenn da auch nur einer von Bord springt, dann wäre das die Katastrophe." 

Rackete traf ihre Entscheidung und postete sie in der Nacht zum Sonntag auf Facebook, dann lichtete sie – aus der Überzeugung heraus, richtig zu handeln – den Anker. "Ich bin weiß, Deutsche, in einem reichen Land geboren und habe den richtigen Pass", sagte sie der Zeitung La Repubblica. "Ich fühle die moralische Pflicht, denen zu helfen, die nicht die gleichen Chancen haben."

Hinweis: Der Text wurde nach dem Aufheben des Hausarrests für Carola Rackete entsprechend  aktualisiert