Das Rettungsschiff Alan Kurdi will vorerst nicht in italienische Hoheitsgewässer einfahren. Das sagte der Einsatzleiter der Hilfsorganisation Sea-Eye, Gorden Isler, der Nachrichtenagentur dpa. Der italienische Zoll habe der Besatzung am Morgen ein Dekret des italienischen Innenministers Matteo Salvini übergeben. Darin stehe, dass es dem Schiff verboten sei, in italienische Hoheitsgewässer zu fahren. "Wir beachten erst mal dieses Verbot", sagte Iser. Ohne triftigen Grund werde Sea-Eye nicht gegen das Dekret verstoßen.

Auf Twitter schrieb die Organisation, sie benötige dringend einen sicheren Hafen. Am Dienstagabend hatte Sea-Eye mitgeteilt, die Alan Kurdi habe Kurs auf Lampedusa genommen. Aktuell liegt sie laut Schiffpositionsdiensten knapp 30 Kilometer vor der Küste Lampedusas. "Wir haben die italienische und die maltesische Seenotrettungsleitstelle angefragt, aber keine Antwort erhalten", sagte die Pressesprecherin von Sea-Eye, Carlotta Weibl, ZEIT ONLINE. Sie könne schwer sagen, wie lange das Schiff vor der Küste Lampedusas ausharren könne. "Morgen werden die Leute nicht verhungern", sagte Weibl. "Aber zwei Wochen warten können wir nicht." Man bereite sich aber nicht auf eine Einfahrt in den Hafen von Lampedusa vor, sagte sie. "Es bringt nichts, wenn die Alan Kurdi direkt festgesetzt ist und neben der Sea-Watch 3 liegt." Sea-Eye stehe in engem Austausch mit dem Auswärtigen Amt und hoffe daher auf eine schnelle politische Lösung. "Falls das nicht passiert, müssen wir noch mal schauen, was wir tun."

Einfahrt in deutschen Hafen laut Sea-Eye nicht möglich

Die Alan Kurdi hat nach eigenen Angaben 65 aus Seenot gerettete Flüchtlinge an Bord. Sie habe die Menschen in internationalen Gewässern vor Libyen von einem Schlauchboot gerettet. Beim Bundesinnenministerium war am Freitagabend ein Brief von Italiens Innenminister eingegangen. In dem Brief forderte Salvini Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dazu auf, Verantwortung für das Schiff zu übernehmen, das unter deutscher Flagge fährt. Weibl sagte, es sei gut, dass Seehofer nun erklärt habe, Deutschland könne einen Teil der Geretteten aufnehmen. Ideal wäre es aber, wenn sich Deutschland bereit erklären würde, alle Geretteten aufzunehmen. "Dann könnte uns auch ein anderer Hafen aufnehmen."

In einen deutschen Hafen könne die Alan Kurdi aus zwei Gründen nicht fahren. Erstens aus rechtlichen Gründen. "Rechtlich macht das keinen Sinn, solange wir den Hafen nicht zugewiesen bekommen", sagte Weibl. Denn es müsse immer der nächste sichere Hafen angefahren werden. Auf dem Weg zu einem deutschen Hafen würden eine Vielzahl sicherer Häfen liegen. Der zweite Grund sei, dass das Schiff nicht für eine solche Reise aussgestattet sei. "Unser Schiff ist für 21 Personen zugelassen, und wir sind jetzt 21 plus 65", sagte Weibl. Sea-Eye bestehe aber nicht darauf, nach Lampedusa einzufahren. Sobald ein Anrainerstaat einen sicheren Hafen zur Verfügung stelle, werde die Alan Kurdi diesen anfahren. Weibl nannte das Beispiel Frankreich. "Es geht uns nicht darum, ein Exempel zu statuieren, sondern die Menschen schnell in Sicherheit zu bringen."

Rackete und Pro Asyl kritisieren Seehofer

Erts vor wenigen Tagen war die deutsche Kapitänin Carola Rackete von der Sea-Watch 3 aus italienischer Haft entlassen worden. Sie hatte ihr Rettungsschiff mit 40 Migranten an Bord trotz des Verbots der italienischen Behörden in den Hafen von Lampedusa gesteuert. Rackete war in der Nacht zum vergangenen Samstag auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden. Am Dienstag erklärte eine italienische Richterin ihre Festnahme für ungültig und ordnete ihre Freilassung an.

In einem Interview kritisierte Rackete Seehofer wegen des Umgangs mit den geretteten Migranten auf ihrem Schiff. "Ich fühlte mich alleingelassen", sagte die 31-Jährige dem Spiegel. "Die haben die heiße Kartoffel immer weitergereicht, während wir zuletzt noch immer 40 Gerettete bei uns an Bord hatten." Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene habe "niemand richtig helfen" wollen. Deutsche Kommunen hätten zwar angeboten, Migranten von der Sea-Watch 3 aufzunehmen. "Es scheiterte dann aber auch an Bundesinnenminister Horst Seehofer, der keine Lust hatte, die Angebote der Städte anzunehmen."

Auch Pro Asyl kritisierte Seehofers Umgang mit Bootsflüchtlingen auf dem Mittelmeer. Das "Geschacher" von Schiff für Schiff müsse beendet werden, sagte der Geschäftsführer Günter Burkhardt. Deutschland müsse die Initiative ergreifen und in einem geordneten Verfahren Gerettete aufnehmen.

Tausende Menschen ertrinken jedes Jahr

Seit Jahren sterben Menschen bei dem Versuch, mit dem Boot aus Afrika nach Europa zu fliehen. Allein im vergangenen Jahr ertranken im Mittelmeer nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) mehr als 2.260 Menschen bei dem Versuch, mit Booten das europäische Festland zu erreichen. Ein Jahr zuvor waren demnach 3.139 Bootsflüchtlinge gestorben.

Seit dem Antritt der populistischen Regierung in Italien hat sich auch die Arbeit der privaten Seenotretterinnen und -retter im Mittelmeer grundlegend geändert. Während Hilfsorganisationen vorher Tausende Flüchtlinge vor dem Ertrinken bewahren konnten, werden ihre Schiffe nun beschlagnahmt oder dürfen Häfen in Italien und Malta nicht mehr anlaufen oder verlassen.