Am Frankfurter Hauptbahnhof hat am Montag ein Mann eine Frau und ihren achtjährigen Sohn vor einen einfahrenden ICE geschubst. Der Junge starb noch im Gleisbett. Über die Tat wird seitdem bundesweit debattiert. Thomas Bliesener leitet das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Im Interview erklärt er, weshalb diese Tat besonders viele Ängste hervorruft.

ZEIT ONLINE: Die Tat von Frankfurt hat die Öffentlichkeit schockiert, der Bundesinnenminister unterbricht seinen Urlaub. Warum wühlt der Fall viele Menschen besonders auf?

Thomas Bliesener: Natürlich spielt das Alter des Opfers eine ganz wesentliche Rolle. Ein unschuldiges Kind, das zu Tode kommt, rührt uns alle in besonderer Weise an.

ZEIT ONLINE: Vergangene Woche ist eine Frau in Nordrhein-Westfalen vor einen Zug geschubst worden und gestorben. Hat diese zeitliche Nähe einen Einfluss darauf, wie wir die Taten wahrnehmen?

Bliesener: Sicherlich. Wir gehen derzeit von einer zufälligen Häufung aus, aber durch diesen kurzen Zeitabstand wirkt das subjektiv bedrohlicher. Und dann kommt hinzu, dass es nach jetzigem Stand keine Beziehung zwischen Opfern und Tätern gegeben hat, also das Opfer wahllos gesucht wurde. Und dass es im öffentlichen Raum stattgefunden hat. So kann im Grunde jeder die Befürchtung entwickeln, es könnte mich auch treffen.

ZEIT ONLINE: Solche Taten lösen besonders viel Angst aus, weil sie uns das Gefühl nehmen, wir könnten uns durch eigenes Verhalten schützen?

Bliesner: Ja, die Tat entzieht sich unserer Kontrolle. Auch die Tageszeit ist wichtig: Wenn sie von einem Überfall nachts um zwei in einem Rotlichtbezirk erfahren, können sich viele sagen: Da muss ich mich ja nicht aufhalten. Doch die Fahrt zur Arbeit oder zum Einkaufen, die kann ich nicht vermeiden.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt die Herkunft des mutmaßlichen Täters, ein Eritreer, für die Wahrnehmung der Tat?

Bliesener: Vor dem Hintergrund, dass wir gerade in der Öffentlichkeit die Gewalt durch Zuwanderer in besonderem Maße diskutieren, ist sie sicherlich relevant. Auch wenn sie für die Tat wahrscheinlich irrelevant ist.

ZEIT ONLINE: Sind rassistische Reaktionen auf diese Tat dann auch ein Versuch, auf den empfundenen Kontrollverlust zu reagieren?

Bliesener: Dann könnte man auch sagen: Die überwiegende Zahl der Täter sind Männer, jetzt müssten wir alle Männer wegsperren, dann hätten wir diese Probleme nicht. Das ist genauso absurd.

ZEIT ONLINE: Was weiß man über solche Taten ohne erkennbares Motiv und Beziehung zwischen Opfer und Täter?

Bliesener: Es gibt eine Reihe schwerer Gewalttaten, bei denen es keine Täter-Opfer-Beziehung gibt. Ich denke an das Steinewerfen von Autobahnbrücken. Jemanden vor eine einfahrende Bahn zu schubsen, da wissen wir: In der Regel sind die Täter psychisch krank, machen das in einer Art Wahn, haben Stimmen gehört. Oder sie tun es aus einem übersteigerten Hass, der auch wahnbegründet ist, gegenüber bestimmten Merkmalen, die eine Person hat. Das kann eine ethnische Zugehörigkeit sein, aber auch eine politische Zugehörigkeit oder irgendetwas im Aussehen sein. Da wird das Opfer zwar nach diesen Merkmalen, aber trotzdem wahllos ausgesucht. Manchmal wird auch eine beliebige Person ausgewählt.

ZEIT ONLINE: Wir vertrauen als Gesellschaft darauf, dass uns niemand vor den Zug oder auf die Straße schubst, anders wäre öffentliches Leben unmöglich. Stellen solche Taten also auch unser Vertrauen in diese Abmachung infrage?

Bliesener: Ja, das Grundvertrauen, dass mir hier nichts passiert, was wir Gott sei Dank im Normalfall seit vielen Jahrzehnten hier erleben dürfen, dieses Vertrauen wird erschüttert. Rational gegen diese Angst zu argumentieren hilft uns da auch nicht weiter.

ZEIT ONLINE: Was hält denn potenzielle Täter normalerweise davon ab, solche Taten zu begehen?

Bliesener: Wir haben ganz natürliche Hemmmechanismen, anderen Menschen Leid anzutun. Das schützt uns im Normalfall. In Affekttaten oder wahnbegründeten Taten können diese Hemmmechanismen ausgesetzt sein.