Ein Freibad in Düsseldorf wurde am vergangenen Wochenende zum dritten Mal wegen Gewaltausbrüchen geräumt. Rund 60 Jugendliche und junge Erwachsene bedrohten und beleidigten andere Besucher und wurden aggressiv. Ähnliches ist in vielen deutschen Großstädten in Bayern oder Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Wochen geschehen. Dirk Baier ist Kriminologe und Experte für Jugend- und Gewaltkriminalität. Im Interview erklärt er, warum die Situation in Freibädern eskaliert. 

ZEIT ONLINE: Herr Baier, sind Freibäder die neuen sozialen Brennpunkte in Deutschland?

Dirk Baier: Es geht um den öffentlichen Raum, in dem Konflikte entstehen. Jetzt, wo es so heiß ist, sind es die Freibäder. Aber es könnten genauso gut auch Parks sein, in denen junge Menschen – meistens Männer – aufeinandertreffen. Es geht um die Frage, wem der Raum gehört, um Machtstrukturen und um Männlichkeitsgehabe.

ZEIT ONLINE: Laut Polizeiangaben sollen viele der Jugendlichen, die jetzt in Düsseldorf auffällig geworden sind, aus Nordafrika stammen*. Anfang 2018 haben Sie zusammen mit anderen Experten eine Studie über Flüchtlingskriminalität veröffentlicht, in der es heißt, dass Täter häufiger aus Nordafrika stammen als beispielsweise aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan. Warum wird diese Personengruppe häufiger straffällig? 

Dirk Baier: Das liegt vor allem am Aufenthaltsstatus. Für Menschen aus Nordafrika ist ein Bleiberecht in Deutschland sehr unwahrscheinlich. Außerdem kamen sie nicht als Familie oder mit Müttern und Schwestern, wie es viele Syrer getan haben. Was ich beobachten kann ist, dass es sich bei den aggressiven Menschen oft um Männer handelt, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Wenn Konflikte eskalieren, geht es oft darum, in der Gruppe Macht zu demonstrieren. In Gruppen von 60 Menschen, wie jetzt in Düsseldorf, fühlen sich die Jugendlichen stark, die sonst eher das Gefühl haben, machtlos zu sein. Einige von ihnen sind von Abschiebungen bedroht, viele haben keine Ausbildung oder eine Perspektive, in Deutschland bleiben zu können. Sie glauben, dass sie nichts zu verlieren haben. In diesen Schicksalsgemeinschaften finden sie sich dann in öffentlichen Räumen zusammen und holen sich durch ihr aggressives Verhalten ihr Selbstwertgefühl zurück. Mit Gewalt wollen sie zeigen, dass sie doch wer sind. Das könnte auch unter deutschen Jugendlichen passieren. Doch zurzeit trifft das vor allem bei geflüchteten Menschen oder Menschen mit Migrationshintergrund zu.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt dabei das Milieu Freibad?

Dirk Baier: Das Freibad ist ein Ort, wo man den ganzen Tag verbringen kann. Man kann sich abkühlen, sich verpflegen und in der Gruppe zusammen sein. Wenn das Wetter nicht so gut wäre, dann würde es sicherlich in Parks oder auf Märkten eskalieren. Im Freibad – aber auch an vielen anderen öffentlichen Orten – findet sich ein Querschnitt der Gesellschaft und so eben auch potenzielle Opfer, die man gut bedrohen und dominieren kann.

ZEIT ONLINE: Das heißt, wenn kein Badewetter wäre, müssten wir jetzt über Ausschreitungen in Fußgängerzonen berichten?

Dirk Baier: Ich glaube schon, dass es sonst auch zu Schlägereien kommen würde, wo viele Jugendliche zusammenkommen – besonders in Verbindung mit Alkohol. Aber was ich jetzt beobachten kann, ist kein Flächenbrand oder eine Epidemie. Es eskaliert in vielen Städten, aber nicht überall. Diese Gewalt ist ein Phänomen, das seit der Kölner Silvesternacht 2015 viel präsenter geworden ist – auch in den Medien. Und wenn der Sommer vorbei ist, dann wird es diese Ausschreitungen auch wieder an anderen Orten geben.