Auf die Tat folgten heftige Reaktionen: Vier Jungen im Alter von zwölf und 14 Jahren sollen in Mülheim an der Ruhr eine 18-Jährige vergewaltigt haben. Zwölfjährige gelten noch als Kinder und sind nicht strafmündig. In die Debatte darum, ob das Alter der Strafmündigkeit nun herabgesetzt werden müsse, schaltete sich sogar Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) ein – und sprach sich dagegen aus: Der Fall in Mülheim habe sie entsetzt, "Empörung allein ist aber kein guter Ratgeber", sagte sie der Augsburger Allgemeinen. Strafrechtliche Verantwortung setze einen bestimmten Entwicklungsstand voraus, der bei Kindern unter 14 Jahren regelmäßig nicht gegeben sei.

Doch was können und müssen Behörden tun, wenn Kinder schwere Delikte begehen? Dass Kinder nicht zu einer Strafe verurteilt werden können, bedeutet natürlich nicht, dass die Taten für sie überhaupt keine Konsequenzen haben. Die örtlichen Jugendämter haben je nach Fall sogar die Pflicht, die Familien der Tatverdächtigen zu unterstützen – im Extremfall auch gegen deren Willen.

In der Regel handele es sich um Bagatelldelikte wie Ladendiebstähle, wenn Kinder mit dem Gesetz in Konflikt geraten, sagt Sabrina Hoops vom Deutschen Jugendinstitut. Sie forscht dort unter anderem zu Kinderdelinquenz. Kinder, denen schwere Gewalttaten zur Last gelegt werden, seien zuvor oft selbst Opfer von Gewalt geworden, sagt Hoops, oder sie hätten Vernachlässigung in der Familie erlebt. Auch Gruppendynamik könne bei Straftaten eine Rolle spielen, weil Gleichaltrige für Kinder und Jugendliche in allen Bereichen ein wichtiger Bezugspunkt seien.

"Massive Gewaltdelikte im Kindes- und Jugendalter sind extreme Ausnahmen", sagt Hoops. Im Fall von strafunmündigen Kindern sei grundsätzlich nicht die Justiz, sondern neben der Familie die Kinder- und Jugendhilfe zuständig. "Anders als bei Erwachsenen geht es nicht vorrangig um Bestrafung, sondern vielmehr um Erziehung und Hilfe für die Familie." 

Ein Blick auf die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik offenbart, dass die Zahl der durch Kinder verübten Gewalttaten in den vergangen 20 Jahren in etwa gleich geblieben ist. Der Eindruck, der durch besonders krasse Fälle wie in Mülheim entstehen kann, dass die Gewalt durch Kinder zunehme, lässt sich also nicht bestätigen.

Als letztes Mittel wird das Sorgerecht entzogen

Wenn Kindern Straftaten vorgeworfen werden, mache das Jugendamt den Eltern zunächst ein niedrigschwelliges Beratungsangebot, sagt Hoops. Darüber hinaus könne das Jugendamt prüfen, ob es einen erzieherischen Bedarf gibt. In diesem Fall gebe es verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten, von der Erziehungsberatung über soziale Trainingskurse bis hin zur Betreuung außerhalb der Familie. 

Wenn allerdings das Kindeswohl gefährdet ist, was auch der Fall sein kann, wenn das Kind vernachlässigt und anderen gegenüber gewalttätig wird, und die Eltern gegenüber dem Jugendamt nicht kooperativ sind, kann den Eltern nach Paragraf 1666 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) das Sorgerecht entzogen und zum Beispiel auf das Jugendamt übertragen werden. "Dazu muss das Familiengericht angerufen werden", sagt Hoops. In diesen Fällen könnten Kinder auch gegen den Willen der Eltern in einer pädagogischen oder therapeutischen Einrichtung untergebracht werden. 

Eine besonders radikale Maßnahme ist die freiheitsentziehende Heimunterbringung, die laut Hoops nur in begründeten Einzelfällen zur Anwendung kommt. Bundesweit gibt es 26 Einrichtungen, wie etwa geschlossene Wohngruppen, in denen es die Möglichkeit einer freiheitsentziehenden Unterbringung gibt. Laut Paragraf 1631b BGB ist das allerdings nur zulässig, wenn eine "Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung" nötig ist – und nur dann, wenn der Gefahr nicht auf andere Art und Weise, auch nicht durch andere öffentliche Hilfen, begegnet werden kann. Ein Familiengericht muss die Unterbringung genehmigen. Diese Form der geschlossenen Unterbringung dürfe aber "keinesfalls mit dem justiziellen Jugendstrafvollzug als Strafe verwechselt werden", sagt Hoops.