Dass sich linke Bewegungen auch global engagieren, ist eine gemeinhin bekannte Tatsache. Weniger beachtet dagegen ist, dass auch nationalistische, extrem rechte Bewegungen heute international unterwegs sind. Nur: Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Nicht unbedingt, schreibt unser Gastautor David Motadel, Historiker an der London School of Economics and Political Science.

Ein besonderes Phänomen der jüngsten Zeit ist das Erstarken eines neuen nationalistischen Internationalismus. Besonders deutlich wurde dies zuletzt im EU-Parlament, wo sich die Rechts-außen-Parteien, von Marine Le Pens Rassemblement National bis Matteo Salvinis Lega, zusammengeschlossen haben. Diese Zusammenarbeit wirft die Frage auf, warum ausgerechnet Nationalisten so sehr interessiert daran sind, international zu kooperieren. Handelt es sich dabei nicht um einen Widerspruch in sich?

Für manche ist die Allianz vor allem pragmatischer Natur. Vereint sind die Chancen, die EU von innen zu schwächen, aussichtsreicher. Man wolle die nationalen Identitäten verteidigen, das verbinde die Fraktion, erklärt EU-Parlamentarier und AfD-Chef Jörg Meuthen. Das gemeinsame Ziel des Bündnisses sei "nein zu mehr Kompetenzen für die EU, nein zu einer weiteren Harmonisierung, nein zu einer Unterwanderung der Nationalstaaten", so Meuthen. Doch die Zusammenarbeit geht über das konkrete Ziel, Brüssel zu demontieren, und auch über Europa selbst, hinaus.

Kaum etwas ist anstößiger als "Internationalismus"

Die EU-Nationalisten werden unterstützt von niemand anderem als dem US-Amerikaner Steve Bannon, der selbst ernannten grauen Eminenz der globalen extremen Rechten. Nationalistische Politiker erscheinen heute weltweit bei rechten Kundgebungen, um damit ihre Gesinnungsgenossen zu unterstützen. Es sei hier nur an den Auftritt Salvinis 2016 bei einer Kundgebung Donald Trumps in Philadelphia erinnert.

Unter den Rechtspopulisten gibt es heute zwar einerseits kaum einen Begriff, der für sie anstößiger ist, als "Internationalismus". Für sie schwingt darin all das mit, was sie verachten, in erster Linie die Idee, dass unsere drängendsten Probleme nur grenzüberschreitend gelöst werden können. Doch der Internationalismus – ein Konzept, das am Ende implizit auch die Existenz von Nationen voraussetzt – und ein extremer Nationalismus sind nicht zwingend inkompatibel.

Indem sie den Geist einer internationalen Rechts-außen-Bruderschaft heraufbeschwören, bilden nationalistische Gruppierungen heute weltweit Allianzen und operieren zunehmend in transnationalen Räumen. Vereint in ihrem Nationalismus, ihrem Hass gegenüber Minderheiten und ihrer Verachtung von Multikulturalismus und Pluralismus, werben sie für die globale Zusammenarbeit vermeintlich homogener, organisch gewachsener und geschlossener Nationalgemeinschaften – man könnte von einem "reaktionären Kosmopolitismus" sprechen.

Es ist eine Art von Internationalismus, der bislang aber viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt worden ist als ihren sozialistischen und liberalen Varianten. Doch tatsächlich sind internationale Bündnisse nationalistischer Bewegungen so alt wie diese Bewegungen selbst. Einige der bedeutendsten Nationalisten des 19. Jahrhunderts waren gleichzeitig glühende Kosmopoliten, die die nationale Ordnung für universal hielten und danach strebten, ihren Kampf dafür auch jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen auszufechten. Der berühmteste unter ihnen war der Revolutionär Giuseppe Mazzini, der die Bewegung zur Einigung Italiens anführte. Er setzte sich für eine internationale Gemeinschaft der Nationen ein – seine "Internationale Liga der Völker" stand für das "Recht auf Nationalität" und eine "freundschaftlichen Verbundenheit zwischen den Völkern aller Länder".