Beim bisher größten Protest gegen Puerto Ricos Regierung hat die Polizei Tränengas gegen Demonstrantinnen und Demonstranten eingesetzt. Damit wollte sie laut der Zeitung El Nuevo Día eine Ansammlung von Menschen in der historischen Altstadt auflösen. Etwa zwölf Demonstranten hätten zuvor Gegenstände auf Beamte geworfen, berichtete ein Reporter des US-Senders CBS auf Twitter. Informationen über mögliche Verletzte gab es zunächst nicht.

Auslöser der Proteste war die Veröffentlichung von Nachrichten einer privaten Chat-Gruppe zwischen dem Gouverneur Ricardo Rosselló und elf Vertrauten, in denen sie sich abschätzig über Opfer des verheerenden Hurrikans Maria von 2017 äußerten. Die Äußerungen wurden als sexistisch, homophob, vulgär und respektlos empfunden. Außerdem wurden Staatsangelegenheiten besprochen, obwohl nicht alle Mitglieder der Gruppe der Regierung angehörten. Hinzu kam ein Korruptionsskandal, im Zuge dessen unter anderen die bisherige Bildungsministerin Julia Keleher vergangene Woche von der US-Bundespolizei FBI festgenommen wurde.

"Diese sogenannten Anführer vertreten uns nicht", sagte der Sänger Ricky Martin, der wie viele prominente Puerto Ricaner an der Demonstration teilnahm. Die Chatteilnehmer hatten sich Medienberichten zufolge auch abfällig über den homosexuellen Musiker geäußert. Den Protest unterstützen auch die Bischöfe von Puerto Rico; sie fordern ebenfalls Rosellós Rücktritt.

Rosselló lehnt Rücktritt ab

Rosselló entschuldigte sich inzwischen für die Textnachrichten. Demnach will er bei der nächsten Wahl im kommenden Jahr nicht antreten und tritt als Chef der PNP (Neue Progressive Partei) zurück. Einen vorzeitigen Rücktritt lehnt er jedoch ab. Im Gegenteil freue er sich darauf, sich gegen eine mögliche Amtsenthebung zu wehren. Mehrere Mitglieder der Telegram-Chat-Gruppe, darunter auch der Vize-Gouverneur, räumten allerdings inzwischen ihre Posten. Veröffentlicht wurden die fast 900 Seiten des Chatverlaufes vom Zentrum für Investigativen Journalismus CPI.

Den Demonstrierenden reichen die bisherigen Konsequenzen nicht. Organisatoren kündigten an, so lange weiter zu demonstrieren, bis der Gouverneur zurücktrete. Seit Bekanntwerden der als Chatgate bekannten Affäre sind bereits hunderttausende Puerto Ricanerinnen und Puerto Ricaner zu seinem Amtssitz marschiert. Manche Beobachter sprachen von der wohl größten Demonstration in der Geschichte des Landes. 

Auch in anderen Teilen des US-Außengebiets, das seit Jahren in einer schweren Finanzkrise steckt, sowie in den USA und auch einigen europäischen Städten gab es bereits Demonstrationen gegen Rosselló. Prominente US-Politiker wie Bernie Sanders und führende Angehörige von Rossellós eigener Partei schlossen sich den Rücktrittsforderungen an. US-Präsident Donald Trump nannte Rosselló am Montag einen fürchterlichen Gouverneur.

Puerto Rico will US-Bundesstaat werden

Auf dem Karibikarchipel wohnen etwa 3,2 Millionen Menschen. Mit knapp 9.000 Quadratkilometern ist es etwa so groß wie Zypern. Als assoziierter Freistaat gehört Puerto Rico nicht zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Zwar sind die Bewohnerinnen und Bewohner US-Bürgerinnen und -bürger, aber sie dürfen nicht an der Präsidentenwahl teilnehmen, und ihre Delegierten im Kongress in Washington haben kein Stimmrecht.

Im Juni 2017 sprachen sich die Menschen auf Puerto Rico in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit dafür aus, dass die Insel der 51. Bundesstaat der USA werden soll. Darüber kann aber nur der US-Kongress in Washington entscheiden.