Die Staatsanwaltschaft in der sizilianischen Stadt Agrigent hat keine neuen Auflagen gegen die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete verhängt. Nach einer mehrstündigen Vernehmung wurde die 31-Jährige wieder freigelassen. Nach Angaben ihres Anwalts Alessandro Gamberini ist sie an keine Arrestauflagen gebunden. Rackete musste sich unter anderem zum Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung und des Widerstands gegen ein Kriegsschiff äußern.

Gamberini gab außerdem bekannt, dass Rackete nicht mehr Besatzungsmitglied des Rettungsschiffes Sea-Watch 3 sein werde: "In ihrem Leben hat sie nicht nur die Kapitänin der Sea-Watch gemacht, sondern ganz viel anderes." Rackete werde nach Deutschland zurückkehren. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Crew eines Rettungsschiffes nach einem Einsatz ausgewechselt wird.

Diese Aufgabe an Freiwillige zu delegieren, ist eine Schande – und dieses Engagement zu kriminalisieren, ist eine noch größere Schande.
Carola Rackete, Kapitänin der "Sea-Watch 3"

Racketes Anwalt verteidigte erneut ihren Einsatz als Kapitänin des Rettungsschiffes Sea-Watch 3 und verwies auf die Notwendigkeit einer staatlichen Seenotrettung: "Diese Aufgabe an Freiwillige zu delegieren, ist eine Schande – und dieses Engagement zu kriminalisieren, ist eine noch größere Schande", sagte Gamberini. Es sei inkonsequent, Organisationen wie Sea-Watch zu belangen, "weil sie etwas machen, was die europäischen Staaten tun sollten".

Rackete selbst rief nach ihrer Befragung die EU auf, eine Lösung bei der Verteilung von Migrantinnen und Migranten zu finden. "Es ist mir sehr wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass es gar nicht um mich als Person gehen soll, sondern es sollte um die Sache gehen", sagte sie. "Wir haben Tausende von Flüchtlinge in einem Bürgerkriegsland, die dort eigentlich dringend evakuiert werden müssten. Und ich erwarte von der Europäischen Kommission insbesondere, dass sie sich möglichst schnell dazu einigt, wie diese Bootsflüchtlinge in Europa aufgeteilt werden sollen."

Am 26. Juni hatte Rackete mit der Sea-Watch 3 in Lampedusa angelegt – ungeachtet eines Verbots der italienischen Regierung. An Bord des Rettungsschiffs befanden sich 40 Geflüchtete, die die Crew vor der Küste Libyens aus einem Schlauchboot gerettet hatte. Beim Anlegemanöver hatte Rackete ein Schnellboot der Küstenwache gestreift.

Die Kapitänin wurde festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Am 2. Juli hatte ein italienisches Gericht ihren Hausarrest aufgehoben: Die zuständige Richterin argumentierte, Rackete habe lediglich Menschenleben retten wollen. Die Sea-Watch 3 war festgesetzt worden. Gegen die Freilassung der Kapitänin hatte die Staatsanwaltschaft Berufung beim obersten Gerichtshof in Rom eingereicht.

Ein Sprecher von Sea-Watch hatte vor der Befragung Racketes gesagt, die Hilfsorganisation gehe davon aus, dass sich die Vorwürfe als haltlos erweisen würden. So sei es auch in früheren, ähnlichen Fällen gewesen. Die italienische Justiz habe sich in der Vergangenheit "nicht beirren lassen" und ihre Unabhängigkeit bewiesen, sagte der Sprecher weiter. Sea-Watch rechne damit, dass die Freilassung Racketes noch einmal bestätigt werde. Sobald das Rettungsschiff Sea-Watch 3 wieder freigegeben sei, werde außerdem eine neue Crew von Sizilien aus in das Rettungsgebiet vor Libyen und Tunesien fahren.

Die Bundesregierung mahnte Sea-Watch zu einer klaren Haltung bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Flüchtlingspolitik dürfe nicht auf dem Rücken von Menschen betrieben werden, die nach ihrer Rettung aus Seenot tagelang auf die Zuweisung eines sicheren Hafens warten müssten, sagte der Sprecher.

Eine Entscheidung im Fall Rackete wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft voraussichtlich erst nach dem Sommer getroffen werden. Dann werde entschieden, ob ein Prozess eröffnet wird oder ob die Vorwürfe fallen gelassen werden.

Von den Städten Paris und Barcelona wurde die deutsche Kapitänin für ihren Mut bei der Flüchtlingsrettung ausgezeichnet. Ein Spendenaufruf im Internet zur Unterstützung der 31-Jährigen bei den Gerichtskosten und zur Fortsetzung der Flüchtlingsrettung durch Sea-Watch brachte binnen weniger Tage mehr als 1,4 Millionen Euro ein.