Im Prozess um den tödlichen Messerangriff von Chemnitz hat die Verteidigung einen Freispruch für den Angeklagten gefordert. Die Beweisaufnahme habe "nicht ergeben", dass ihr Mandant Daniel H. getötet und einen weiteren Mann verletzt habe, sagte die Anwältin Ricarda Lang während des abschließenden Plädoyers der Verteidigung im Gerichtssaal in Dresden. Der Haftbefehl gegen den Angeklagten Alaa S. sei deshalb umgehend aufzuheben und dem Syrer eine Haftentschädigung zuzusprechen.

Nach Auffassung der Verteidigung gibt es in dem Verfahren viele Ungereimtheiten und Widersprüche in den Zeugenaussagen. Diese seien deshalb weitgehend "untauglich", so Lang. Es gebe keine DNA-Spuren, die den Verdacht gegen S. stützten, am Tatort sei eine Vielzahl von Menschen gewesen. Zudem habe Alaa S. keine Verletzungen gehabt, die von einer Auseinandersetzung herrühren könnten, so dessen Anwältin. "Das passt vorne und hinten nicht zusammen."

"Damit Ruhe herrscht"

Langs Verteidigerkollege Frank Drücke sprach von einer "auf tönernen Füßen wankenden Anklage" und rückte die Geschehnisse nach der Tat in den Blickpunkt. "Für uns ist das mitnichten ein normales Verfahren", sagte er und appellierte an die Kammer des Landgerichts, sich bei der Urteilsfindung nicht von Forderungen aus Politik, Gesellschaft oder von dem "marodierenden Mob" beeinflussen zu lassen. Der Druck auf alle Prozessbeteiligten sei groß, sagte auch Ricarda Lang. "Man brauche ja irgendeinen Schuldigen, damit in Chemnitz Ruhe herrscht", so die Verteidigerin.

Am 26. August 2018 war der 35-jährige Daniel H. am Rande eines Stadtfests erstochen worden. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der angeklagte Alaa S. die Tat zusammen mit einem derzeit flüchtigen Iraker begangen haben. Sie sollen während eines Streits mehrfach mit Messern auf H. eingestochen haben. Dieser starb unmittelbar nach der Tat. Zudem sollen die Angeklagten einen weiteren Mann durch einen Stich in den Rücken verletzt haben.

Die Anklage, die bereits am vergangenen Montag plädiert hatte, wirft S. gemeinschaftlichen Totschlag sowie gefährliche Körperverletzung vor und fordert eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Jahren. Die Nebenkläger – bestehend aus dem damals verletzten Zeugen sowie der Mutter und Schwester von Daniel H. – gingen in ihrem Plädoyer über dieses Strafmaß hinaus und forderten eine Gesamtfreiheitsstrafe von elf Jahren.

Interview des Angeklagten "ohne Einfluss auf Urteilsfindung"

Die Gewalttat löste in Chemnitz eine Reihe ausländerfeindlicher Demonstrationen und teils gewaltsame Ausschreitungen von Rechtsextremen aus, die mehr als das Verbrechen selbst für Aufsehen sorgten. Bilder von rechten Demonstrationen, Aufmärschen von Neonazis und Fußball-Hooligans, von Übergriffen sowie dem Zeigen des Hitlergrußes in zahlreichen Fällen gingen um die Welt. Der Streit um die Frage, ob es "Hetzjagden" gegeben hat, wurde zu einer Krise für die große Koalition aus Union und SPD – und führte letztlich dazu, dass der damalige Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sein Amt verlor.

Es wird erwartet, dass das Gericht noch an diesem Donnerstag ein Urteil fällt. In seinem Schlusswort sagte der Angeklagte, er hoffe, "dass die Wahrheit ans Licht gebracht wird". Es tue ihm leid, was der Familie von Daniel H. widerfahren sei. Er hoffe aber, nicht das "zweite Opfer des Täters zu sein", so der 24-Jährige.

Die vergangenen 18 Verhandlungstage hatte er vor Gericht jedoch geschwiegen, unmittelbar vor dem erwarteten letzten Verhandlungstag hatte er in einem Telefoninterview mit dem ZDF seine Unschuld beteuert. "Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst", sagte der 24-Jährige in dem TV-Gespräch. Nach Angaben des Landgerichts haben die dortigen Aussagen keinen Einfluss auf die Urteilsfindung der Kammer.