Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Ständige Ausreise – schwierige Wege aus der DDR" von Jana Göbel und Matthias Meisner, erschienen im Verlag Ch. Links.

An jedem Montagabend habe ich Zeit, Christina zu betrachten. Wir singen beide im Chor, beide im ersten Sopran. Christina steht in der ersten Reihe, sie ist die dritte Sängerin von rechts. Ich stehe schräg hinter ihr: zweite Reihe, ganz rechts. Christina ist meine Chorschwester – so heißt das in der Welt des Gesangs. Und obwohl wir uns in unserem Frauenchor gar nicht so altmodisch wie dieses Wort fühlen, passt es doch ziemlich gut auf uns zwei. Denn Christina und ich sind Cousinen, also fast so etwas wie Schwestern. Wir singen seit Jahren im selben Chor.

Jeden Montagabend betrachte ich also Christina bei der Probe. Beim Einsingen steht sie da: die Beine fest auf dem Boden, den Rücken durchgestreckt, Hals gerade, Kinn leicht gesenkt, Blick nach vorn. Die schlanke Gestalt, das blonde Haar, die randlose Brille, alles ist mir vertraut. Je höher Christina singt, desto rosiger werden ihre Wangen. Sie ist dabei ganz offen. Offen, dazuzulernen, offen, zu singen, offen ihrem Leben gegenüber und den Menschen darin. Sie sieht schön aus, wie sie sich konzentriert und gleichzeitig fallen lässt. Und manchmal, wenn sie lächelt oder lacht oder schwatzt oder in ihren Noten blättert, erkenne ich in ihr für einen kurzen Moment jenes kleine hellhaarige Mädchen wieder, mit dem ich in den Siebzigerjahren die Sommerferien bei unseren Großeltern verbrachte: Wir buddeln im Sandhaufen in einer Ecke des gepflasterten Hofes. Wir essen Stachelbeeren. Wir kriegen von Oma Zuckerbrot auf zerkratzten Sprelacart-Brettchen hingestellt. Wir laufen mit Opa zum Konsum.

"Abgehauen"

In meiner Erinnerung, in der seltsamerweise immer Sommer ist, sind wir sechs, sieben, vielleicht acht Jahre alt. Dann kommt eine sehr lange Pause, ein stummer, bilderloser Bruch. Und schließlich sehen wir uns 1990 wieder. Die Mauer ist "gefallen", wie das so falsch wie poetisch genannt wird, und ich besuche Christina in West-Berlin. Sie ist jetzt 20 Jahre alt, ich 24. Sie ist fast noch ein Teenager und hat schon einen wunderschönen kleinen Sohn, dessen Wimpern so lang und geschwungen sind wie Elfenflügel. Er ist ein Westkind, Christina ist seine Westmama. Und ich bin die Cousine aus dem Osten. Denn Christina ist 1984 "abgehauen". So hieß das in der DDR, diesem Land, dessen Sprache ich sprach und das nur sich selbst kannte, misstrauisch war und nie fragte, warum es manche Menschen nicht mehr mit ihm aushalten konnten und wollten.

Wenn ich heute montags zwei Stunden halbrechts hinter Christina stehe und sie beim Singen betrachte, wundere ich mich manchmal, dass sie mich damals, 1990, überhaupt wiedersehen wollte. Dass sie bereit war, Kontakt zu unserer Familie, der "roten" Familie, aufzunehmen. Denn heute weiß ich mehr über diese Ausreise, die eigentlich keine war. Sondern eine Familienzusammenführung. Seltsamerweise hatte ich mich nie gefragt, warum meine Tante und ihre Kinder gegangen waren. Warum Hertwiga mit Christina und deren Bruder Alexander nur noch wegwollte aus der DDR, raus. Was denn Christinas Vater, mein Onkel Herwig, dazu gesagt hat, dass seine Kinder in ein anderes Land gingen, wo er doch wusste, dass er sie auf Jahrzehnte nicht wiedersehen würde. Und was Christina gefühlt hat, als sie alles Vertraute hinter sich lassen sollte, alle Menschen, alle Orte, auch die Gefühle.

400.000 Menschen

Wir treffen uns an einem Winterabend in Christinas Praxis für Psychotherapie. Eine seltsame, fahrige Stimmung. Ja, wir sind uns nahe, wir singen gemeinsam, wir reden über unsere Kinder, unsere Männer, unsere Jobs, wir verbringen Familienfeste miteinander. Doch an diesem Abend sind wir so etwas wie Berichterstatterin und Protokollantin, wenngleich auf einer sehr vertrauten Ebene. Christina, die sonst in diesem großen hellen Raum im Sessel sitzt und ihren Patienten zuhört, wird heute ihre Geschichte erzählen. Was Christina zu sagen hat, wird mich erstaunen und erschüttern. Denn all die Berichte von Ausgereisten gehören zu einer gesellschaftlichen Erzählung, die sich hunderttausendfach ereignet hat: Der ist weg. Die ist raus. Abgehauen. Ausgereist. Verschwunden. Rübergemacht. Aber wie es für jeden einzelnen dieser etwa 400.000 Menschen war, das Land DDR zu verlassen und in dem anderen Deutschland neu anzufangen, das fragt man nicht so genau ab. Das ist sehr, sehr privat.

Für Christina fing es damit an, dass ihr großer Bruder Carsten 1980 versucht hatte zu flüchten. Sie war elf, Carsten 18 Jahre alt. Er hatte den Kellnerberuf erlernt und wollte raus, bevor sie ihn zur Armee ziehen konnten. Er hatte sich niemandem anvertraut, nicht seiner Mutter, nicht der Oma, schon gar nicht seinen jüngeren Geschwistern Christina und Alexander. Er fuhr einfach aus seiner Heimatstadt Erfurt an die tschechisch-bayerische Grenze und lief in der Nähe der Grenzanlagen herum, sondierte die Lage. "Sie haben ihn gleich festgenommen", sagt Christina. Und: "Er hat nichts abgestritten."

Carstens Mutter Hertwiga kümmerte sich sofort um einen Anwalt. Es war klar, dass ihrem Sohn der Prozess gemacht werden würde. Auf "ungesetzlichen Grenzübertritt" standen laut Paragraf 123 des Strafgesetzbuches der DDR ein bis acht Jahre Haft. Carsten, noch ganz am Anfang seines Lebens, brauchte also dringend juristischen Beistand.

Republikflucht, anderthalb Jahre

Es gab dann tatsächlich einen Gerichtstermin, aber weder Carstens Anwalt noch seine Familie wussten davon. An irgendeinem Wochentag wurde der Kellner Carsten Maier – ohne familiären Beistand und vertreten durch einen seiner Mutter unbekannten Pflichtverteidiger – wegen versuchter Republikflucht zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. "Er war 18, als er reinkam, 19, als er rauskam", erzählt Christina. Und raus bedeutete: Er wurde freigekauft.

Binnen 25 Jahren, zwischen 1964 und 1989, erkaufte die Bundesrepublik für insgesamt 33.755 politische Häftlinge die Entlassung aus DDR-Gefängnissen in den Westen. Carsten war einer von ihnen. Neun Monate nach seinem Haftantritt wurde er mit anderen Gefangenen zur Grenze gefahren und aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen. Carsten hatte zu einer Gruppe hungerstreikender Häftlinge gehört – bei seiner Ankunft im Westen wog er 49 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,80 Meter. Im Knast war er gedemütigt, misshandelt und geängstigt worden.