Ein Mann wirft achtlos einen Kaffeebecher auf den Bahnsteig. Eine junge Frau, die auf den Zug wartet, bittet ihn, seinen Müll aufzuheben. Dann nimmt die Frau einen Anruf auf ihrem Handy entgegen, dabei fällt ihr eine Tüte mit Orangen auf den Boden. Scheinbar eine Alltagssituation – doch tatsächlich ein aufwendiges Experiment, das US-Forscher mehr als 1.600-mal an rund 30 deutschen Bahnhöfen von Schauspielern haben nachstellen lassen. Es geht um Diskriminierung.

Politikwissenschaftler Nicholas Sambanis und sein Team von der Universität Pennsylvania in den USA wollten wissen: Erhält eine weiße Frau häufiger Unterstützung beim Orangenaufheben als eine Frau, die nicht als weiß wahrgenommen wird? Und was ist, wenn sie einen Hidschab trägt?

Die Antwort: Eine weiße Deutsche ohne Kopftuch bekam in 84 Prozent der Fälle Hilfe, eine Frau mit Hidschab in 73 Prozent der Fälle, wie die Forscher in den Proceedings der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften schreiben. Der Mann war in der gespielten Szene immer ein Weißer. Die Frau war entweder eine Weiße oder eine Nicht-Weiße. Die involvierten Passanten waren nicht eingeweiht.

Um herauszufinden, wovon Diskriminierung in dieser bestimmten Alltagssituation noch abhängt, variierten die Forscher die von den Schauspielern dargestellte Szene. Hatte die Frau zuvor den Mann wegen des weggeworfenen Bechers nicht ermahnt, bekam sie generell seltener Unterstützung. Im Fall einer weißen Frau ohne Hidschab in 73 Prozent der Fälle, im Fall der als nicht-weiß wahrgenommenen Frau mit Kopftuch in 60 Prozent der Fälle.

Offenes Haar, kein religiöses Symbol

Bei gleichem Verhalten – Ermahnung des Mannes oder nicht – erhielt die Frau mit Hidschab also stets weniger Unterstützung als die Frau ohne Kopftuch. "Wir haben festgestellt, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen zu ausgeprägt sind und nicht durch gutes staatsbürgerliches Verhalten überwunden werden können", sagte Sambanis. Wenn die Frau mit Hidschab den Mann allerdings zurechtwies, wurde ihr in etwa so oft geholfen wie einer weißen Frau ohne Kopftuch, der der Müll auf dem Bahnsteig egal war.

Zudem fiel den Forschern auf: Trug die nicht-weiße Schauspielerin offenes Haar, gewöhnlich in Deutschland getragene Kleidung und ein Kreuz oder gar kein religiöses Symbol, so wurde ihr im Durchschnitt in etwa dieselbe Hilfsbereitschaft zuteil wie der weißen Schauspielerin.

Religion spiele beim Umgang mit Zuwanderern wohl eine größere Rolle als ethnische Zugehörigkeit, schlussfolgern die Forscher. "Wir fanden keinen Hinweis auf ethnische Diskriminierung per se", schreiben sie in der Studie mit Blick auf ihr Experiment. Allerdings fragte das Team um Sambanis die Passanten nicht, ob sie der Frau mit Hidschab tatsächlich wegen ihrer sichtbaren Zugehörigkeit zum Islam seltener geholfen hatten.

"Es gibt immer bestimmte Symbole, die Fremdheit signalisieren", sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität in Marburg, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. "Und ich würde zustimmen, dass dies im Moment in Deutschland tatsächlich offen erkennbare muslimische Zugehörigkeit ist." 

Deutsche neigen zur Ordnungsliebe

Wagners Einschätzung nach kommt es immer wieder und in sehr vielen Gesellschaften zu Ausgrenzungen von Menschen, die bestimmten Gruppen angehören. Welche Gruppe gerade ausgegrenzt werde, hänge von politischen und zeithistorischen Umständen ab.

Die Forscher der Uni von Pennsylvania wählten Deutschland unter anderem deswegen als Experimentierfeld aus, weil es hier viele Einwanderer und Geflüchtete gibt. Aber auch, weil viele Deutsche nach Ansicht der US-Forscher soziale Normen wichtig finden, etwa Ordnungsliebe.

Die Experimente in den rund 30 Bahnhöfen wurden in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg durchgeführt. Dabei wurden über einen Zeitraum von drei Wochen im Juli und August 2018 insgesamt 1.614 Interaktionen beobachtet. 7.142 Umstehende waren daran unwissentlich beteiligt.