Die Spaltungsversuche von außen setzen an ähnlichen Punkten an wie die internen Meinungsunterschiede: In
den Kreisen der Klimawandelleugner und der Rechtsnationalisten (die häufig identisch sind) versucht man seit jeher, den Klimaschutz als abgehobene, hysterische,
ideologisch verbohrte, wirtschaftsfeindliche Angelegenheit von Ökosozialisten
abzutun. Man kennt das Spiel seit mehr als 30 Jahren.
Zuvor standen selbst die Republikaner in den USA noch hinter Institutionen wie dem Weltklimarat IPCC, der im Jahr 1988 gegründet wurde, als Ronald Reagan US-Präsident war. Die USA unterstützten auch die im gleichen Jahr auf der Weltklimakonferenz in Toronto festgehaltene Übereinkunft der Weltgemeinschaft, sofortige Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu ergreifen. Doch dann gelang es den Interessengruppen der fossilen Energie zusammen mit radikalen rechten
Medienaktivisten in den USA, den Diskurs zu kippen – mit Folgen für die ganze Welt.
Ein gutes aktuelles, weil banales und alltägliches Beispiel sind
die Tweets des Brexit-Finanziers Arron Banks, der letzte Woche Greta Thunberg einen Unfall bei der Überquerung des Atlantiks an den Hals wünschte.
Die Geschmacklosigkeit verteidigte er gegenüber seinen Kritikern mit den
Worten: "It was a joke .. you
lefties have no sense of humour." Warum? Banks weiß genau, dass sich nur wenige trauen, im Zweifelsfall als humorlose Linke zu gelten. Und dass sehr viele Konservative dreimal schlucken müssen, ehe sie das Wort
Klimaschutz in den Mund nehmen, wenn es sie in Verbindung zu "humorlosen Linken" bringt.
Bildet Hyperkoalitionen!
Gegen die Gefahr der inneren wie äußeren Spaltung, mit der die Fridays-for-Future-Bewegung in eine Ecke geriete, aus der sie nur schwer wieder herauskäme, muss die Strategie sein: verknüpfen, Allianzen bilden, koalieren. Die Natur des Klimawandels selbst erfordert das: Der Philosoph Timothy Morton bezeichnet ihn als ein "Hyperobjekt",
ein weit in Raum und Zeit verteiltes Phänomen neuartigen Typs – entsprechend müssen dagegen nicht bloß große, sondern Hyperkoalitionen geschmiedet werden, also Koalitionen
zwischen Generationen, Parteien, Dörfern, Städten,
Metropolen und Ländern; zwischen den Weltanschauungen, gesellschaftlichen Klassen und Milieus. Solche Verbindungen zu schaffen ist die
politisch dringendste Aufgabe unserer Zeit. Umso wichtiger ist es, dass Fridays for Future für viele Menschen anschlussfähig bleibt.
Die Bewegung ist dabei, sich dieser Aufgabe zu stellen. Für
den 20. September haben Greta und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu einem Generalstreik aufgerufen. Die Chancen stehen gut, dass die Mitte der Gesellschaft damit noch stärker in Bewegung
gerät.
Doch je mehr das der Fall ist – auch das lässt sich schon jetzt beobachten –,
desto größer werden die Vereinnahmungsversuche. Beispielsweise wird es zuhauf Politiker geben, die das Gefühl vermitteln, sie seien an der Sache dran
und würden die Dringlichkeit verstehen – aber schlussendlich nicht handeln. Auch die energieintensive Industrie hat diese Strategie adoptiert.
Gerade ist die einflussreiche Lobbyorganisation Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft mit einer Kampagne vorgeprescht, die vorgibt, dem Klimaschutz zu dienen, ihn aber in Wahrheit verwässert, etwa, indem sie von einem Zwei-Grad-Ziel ausgeht, obwohl im Klimavertrag von Paris noch vereinbart worden war, die Erderwärmung auf einen Wert "deutlich darunter" zu begrenzen.
Klimaschützer Shell?
Die INSM-Kampagne dient vornehmlich dazu, die von sehr vielen Wissenschaftlern und Ökonomen
favorisierte CO2-Abgabe zugunsten eines Emissionshandels zu verhindern. Noch ärger ist das Vorgehen der fossilen
Industrie selbst. Shell etwa setzte im vergangenen März
die Meldung in die Welt, jetzt "in die Natur" zu investieren, "als Teil einer
umfassenden Initiative zur Bekämpfung der CO2-Emissionen": 30 Millionen Dollar
in drei Jahren. Zugleich aber steckt das Unternehmen weiterhin Milliarden in die Erkundung
neuer Ölfelder.
So durchsichtig diese Versuche sind, so gefährlich bleiben sie.
Wie politisch und gesellschaftlich lähmend der Eindruck sein kann, dass sich
etwas tut im Klimaschutz, hat Deutschland unter der vermeintlichen
Klimakanzlerin Angela Merkel der Welt ja in den letzten Jahren prominent vorgeführt.
Eine Anstrengung aller
Fridays for Future wird diese Vereinnahmungs- und
Verschleierungsversuche kontern müssen, wo immer sie auftreten. Zugleich muss die
Bewegung weiter die Mitte der
Gesellschaft erobern. Denn in einem haben die Öl-Unternehmen recht: "Um die klimatischen Herausforderungen zu
bewältigen", wie etwa Shell verlauten ließ, bedarf es "einer
gesamtgesellschaftlichen Anstrengung" – allerdings in einer Weise, die von der
fossilen Industrie ganz gewiss nicht gemeint ist: als Anstrengung nämlich, die Politik zu zwingen, Maßnahmen zu ergreifen, die das
Geschäft mit Öl und Kohle ebenso beenden werden wie die Umwandlung von Wildnis
in Weideland.
Konzentriert sich die Fridays-for-Future-Bewegung auf diese
beiden für den Klimaschutz zentralen Aktionsfelder, einschließlich der
Landwirtschaft und der Verkehrssysteme, wird ihre Mobilisierungsmöglichkeit am
größten sein. Erst recht, wenn sie einer Strategie der maximalen
Verknüpfungen folgt, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Klare Abgrenzung sucht,
aber Spaltungsversuchen entgeht. Unnachgiebig in ihren Forderungen bleibt, aber
weitgehend flexibel und pragmatisch hinsichtlich der Mittel ist, mit denen
diese Forderung erfüllt werden können.
Das klingt verdammt nach einer Quadratur des Kreises. Aber hätte man nicht auch vor dem 20. August 2018 gedacht, eine einzelne Schülerin könne unmöglich eine weltweite Klimabewegung in Gang setzen?
Die Spaltungsversuche von außen setzen an ähnlichen Punkten an wie die internen Meinungsunterschiede: In
den Kreisen der Klimawandelleugner und der Rechtsnationalisten (die häufig identisch sind) versucht man seit jeher, den Klimaschutz als abgehobene, hysterische,
ideologisch verbohrte, wirtschaftsfeindliche Angelegenheit von Ökosozialisten
abzutun. Man kennt das Spiel seit mehr als 30 Jahren.
Zuvor standen selbst die Republikaner in den USA noch hinter Institutionen wie dem Weltklimarat IPCC, der im Jahr 1988 gegründet wurde, als Ronald Reagan US-Präsident war. Die USA unterstützten auch die im gleichen Jahr auf der Weltklimakonferenz in Toronto festgehaltene Übereinkunft der Weltgemeinschaft, sofortige Maßnahmen gegen die Erderwärmung zu ergreifen. Doch dann gelang es den Interessengruppen der fossilen Energie zusammen mit radikalen rechten
Medienaktivisten in den USA, den Diskurs zu kippen – mit Folgen für die ganze Welt.