Es gab eine Zeit, in der Wolfgang Moegerle nirgendwo hingegangen ist, ohne ein großes Sparschwein unter dem Arm zu tragen. Ein gelbgrünes, 60 Zentimeter langes Porzellantier, mit großen Buchstaben auf dem Bauch: "Wir machen Algermissen schuldenfrei". Egal welche auch noch so kleine Veranstaltung, die Seniorennachmittage im Altenheim, die wöchentlichen Bürgerversammlungen im Gemeindezentrum, das Jahrestreffen des Sportvereins: Der Bürgermeister ging nie los ohne sein Schwein, er trug es bis in die letzten Winkel seines 8.000-Einwohner-Dorfs, kilometerweit. Sein Appell an alle Bürger der Kommune lautete: Wenn wir alle zusammenlegen, dann ist Algermissen bald raus aus den Schulden.

Und seine Bürger zahlten. Zehntausend Euro sammelte er in sechs Monaten von den Einwohnern ein – ein stattlicher Betrag. Mit der Spende, die durch einen kräftigen Zuschuss aus dem Gemeindehaushalt aufgestockt wurde, gelang es schließlich, die letzten Schulden des Dorfs zu begleichen. "Dass wir das als Gemeinschaft geschafft haben, war einfach großartig."

Lange hat das Sparschwein Wolfgang Moegerle begleitet, jetzt steht es auf seinem Schreibtisch. © Vaness Materla für ZEIT ONLINE

Über Jahrzehnte hinweg hatte Algermissen tief in den Miesen gesteckt – so wie Tausende kleiner und größerer Städte und Gemeinden in ganz Deutschland. Tatsächlich klafft ein tiefer Graben zwischen den Kommunen, die auch dank finanzkräftiger Unternehmen vor Steuereinnahmen nur so strotzen, und den armen Kommunen, die – sei es historisch oder standortbedingt – mit hohen Schulden kämpfen und daher gefangen sind: Denn wer Schulden hat, dem fehlen die Mittel, um den Standort so attraktiv zu machen, dass sich Unternehmen und auch junge Menschen und Familien ansiedeln wollen. Ein Teufelskreis.  

So groß sind die Unterschiede der Lebensverhältnisse innerhalb Deutschlands, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) eigens eine Kommission ins Leben gerufen hatte, die nach Wegen suchen sollte, diese auszugleichen. Bislang blieben die Ergebnisse allerdings im Vagen. Auch angesichts der aktuellen Konjunkturschwäche fordern Ökonomen, die hoch verschuldeten Kommunen gezielt zu entlasten. "Die Kommunen stellen einen großen Teil der Infrastruktur in Deutschland bereit, können vielfach aber aufgrund hoher Schulden diesen Ausgaben nicht mehr nachkommen", bemängelte etwa Claus Michelsen, Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Wolfgang Moegerle konnte und wollte auf Hilfeleistungen vom Bund nicht warten. Acht Millionen D-Mark Schulden lasteten auf Algermissen, als er sein Amt als Bürgermeister antrat. Im Vergleich zu anderen Kommunen wie das sechzig Kilometer entfernte Schladen-Werla, das mit einem Berg von rund 19 Millionen Euro Schulden wirtschaften muss, ist das noch überschaubar. "Wir haben jeden Cent dreimal umgedreht, aber ein Schwimmbad oder aufwändige Sanierungen konnten wir uns trotzdem nicht leisten." Damit wollte sich Moegerle nicht abfinden – und startete seinen Spendenaufruf. Fünf Euro pro Kopf wären es gewesen, manche gaben nichts, manche gaben mehrmals. Sechs Monate später lag die Pro-Kopf-Verschuldung der Stadt wieder bei null.

Funktioniert es also doch, dass eine hoch verschuldete Kommune aus eigener Kraft wieder in die schwarzen Zahlen kommen kann? Ein beinahe aussichtsloses Unterfangen sei das in der Regel, monieren Experten wie René Geißler, der bei der Bertelsmann Stiftung zur Finanzierung von Kommunen forscht. "Die meisten Kommunen sind auf die Hilfe vom Land angewiesen." Umso größer war der Zuspruch, als Minister Seehofer bei der Vorstellung der Ergebnisse seiner Kommission signalisierte, dass der Bund sich womöglich am Abtragen der Altschulden der Gemeinden beteiligen könne.

Aber zeigt das Beispiel Algermissen, dass es auch ohne Hilfe zur Selbsthilfe geht?    

Algermissen liegt im Speckgürtel von Hildesheim, hier ist die Welt noch in Ordnung. Rostrot gepflasterte Straßen, Einfamilienhäuser aus Backstein, die Vorgärten liebevoll bepflanzt und der Rasen getrimmt. Man grüßt sich auf der Straße, die meisten Bewohner kennen sich seit Jahrzehnten. Der Hollywoodstar Diane Kruger ist hier aufgewachsen, genauso wie der Schauspieler Bruno Eyron. Das Dorf versprüht den Charme eines Ferienorts – läge es an der Ostsee, wäre es wohl ein Touristenmagnet. Doch die Bürger in Algermissen identifizieren sich eher mit der schwarzen Null. Schuldenfrei zu sein, gehöre zum Image der Kommune, sagt Bürgermeister Moegerle, es mache seine Leute stolz.