Mutmaßliches Opfer von US-Multimillionär Epstein reicht Klage ein – Seite 1

Nach dem Tod des wegen Sexualverbrechen angeklagten Multimillionärs Jeffrey Epstein hat eines seiner mutmaßlichen Opfer Klage eingereicht. "Ich bin wütend, dass er mir nicht persönlich vor Gericht antworten muss. Aber mein Streben nach Gerechtigkeit fängt gerade erst an", schrieb Jennifer Araoz in einer Kolumne für die New York Times. Sie fordert Schadenersatz von Epsteins Erben und mutmaßlichen Komplizinnen.

Epstein war am Samstagmorgen tot in seiner Gefängniszelle im Metropolitan Correctional Center im New Yorker Stadtteil Manhattan gefunden worden. Nach Angaben des Justizministeriums beging er offenbar Suizid. Der 66-Jährige soll jahrelang junge Mädchen und Frauen sexuell missbraucht und zur Prostitution angestiftet haben. Laut Anklageschrift baute er zwischen 2002 und 2005 in New York und Florida einen illegalen Sexhandelsring auf. Bei einer Verurteilung hätten dem früheren Investmentbanker, der gute Kontakte zu hochrangigen Politikern und Prominenten hatte, bis zu 45 Jahre Haft gedroht. Epstein hätte bis zum Beginn seines Prozesses in der Haftanstalt bleiben sollen. Den Prozessauftakt hatte das Gericht vorläufig auf Anfang Juni 2020 festgelegt. 

Die heute 32 Jahre alte Jennifer Araoz wirft Epstein vor, sie im Jahr 2002 vergewaltigt zu haben. Gegen dessen Erben, seine mutmaßliche Verbündete Ghislaine Maxwell und drei weitere namentlich nicht genannte Frauen reichte sie nun vor dem Obersten Gerichtshof des Bundesstaats New York Klage ein.

Neues Gesetz ermöglicht Klage auch nach vielen Jahren

Ein am Mittwoch in Kraft getretenes Gesetz im Bundesstaat New York ermöglichte Araoz' Klage. Es gibt Opfern von länger zurückliegenden Sexualverbrechen ein Jahr Zeit, um rechtliche Schritte einzuleiten. Das neue Gesetz könnte eine regelrechte Klagewelle gegen Epstein und dessen mutmaßliche Komplizinnen und Komplizen zur Folge haben.

Araoz zufolge sprach eine von Epsteins Helferinnen sie im Alter von 14 Jahren vor ihrer New Yorker Schule an und stellte ihr in Aussicht, der Milliardär könne ihr zu einer Karriere als Schauspielerin verhelfen. Die ersten Treffen im Luxusappartement des ehemaligen Bankers in Manhattan verliefen demnach ohne Zwischenfälle. Epstein habe sich ein oder zwei Stunden mit ihr unterhalten und ihr 300 Dollar in bar gegeben, berichtete Araoz.

Doch nach wenigen Wochen habe er sie aufgefordert, ihn zu massieren und ihr Oberteil auszuziehen. Die Übergriffe seien schlimmer geworden, irgendwann habe er sie vergewaltigt. Sie habe die Besuche eingestellt und die Schule gewechselt. Erst nach Jahren habe sie über den Missbrauch sprechen können.

57-Jährige gilt nun als Hauptverdächtige

Ghislaine Maxwell ist die Tochter des verstorbenen britischen Medienmoguls Robert Maxwell. Sie gilt nach dem Tod von Epstein als Hauptverdächtige. Mehrere Opfer beschuldigen die 57-Jährige, sie habe aktiv junge Mädchen rekrutiert, um Epsteins sexuelles Verlangen zu befriedigen. Seit Monaten ist sie untergetaucht. Die britische Zeitung The Daily Mail berichtete am Mittwoch, Maxwell befinde sich in Manchester-by-the-Sea im US-Bundesstaat Massachusetts.

Derweil gibt es US-Medienberichten zufolge neue Erkenntnisse zu den Todesumständen des Multimillionärs. In der Nacht zum Samstag hätten Epsteins Gefängniswärter drei Stunden geschlafen, berichtete die New York Times unter Berufung auf Verantwortliche der Haftanstalt. Eigentlich hätten sie alle 30 Minuten nach Epstein schauen müssen. Um ihr Fehlverhalten zu vertuschen, fälschten sie demnach anschließend ein Protokoll.

Erste Konsequenzen nach dem Tod von Jeffrey Epstein

Das US-Justizministerium zog bereits erste personelle Konsequenzen: Der Direktor des Hochsicherheitsgefängnisses in New York wurde am Dienstag für die Dauer der Ermittlungen zu Epsteins Todesumständen versetzt. Zwei Wärter aus Epsteins Zellentrakt wurden beurlaubt. US-Justizminister Bill Barr hatte zuvor über "ernsthafte Unregelmäßigkeiten" bei der Überwachung Epsteins geklagt.

Dieser war bereits am 23. Juli nach einem mutmaßlichen Suizidversuch bewusstlos und mit Spuren am Hals in seiner Zelle gefunden worden. Seine verstärkte Überwachung wegen Suizidgefahr wurde Medienberichten zufolge aber bereits am 29. Juli wieder eingestellt. US-Medien berichteten, die Belegschaft des Gefängnisses habe wegen Personalmangels zuletzt viele Überstunden machen müssen.

Epstein zeigte sich gern öffentlich mit Politikern und Prominenten. Er hatte unter anderem – zumindest zeitweise – Kontakte zum heutigen Präsidenten Donald Trump, zu Ex-Präsident Bill Clinton und zum britischen Prinz Andrew aus Großbritannien. US-Medien spekulieren, dass ein Prozess weitere Prominente schwer belastet hätte.

Die Staatsanwalt ermittelt eigenen Angaben zufolge trotz Epsteins Tod weiter in dem Fall, der sich künftig auf mögliche Komplizinnen und Komplizen des Unternehmers konzentrieren dürfte.