Ungeachtet der Irrfahrt Hunderter Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer drängen die EU-Mitgliedsländer bislang nicht auf eine von der EU-Kommission koordinierte Lösung. "Wir haben zu diesem Zeitpunkt von keinem Mitgliedsstaat eine förmliche Anfrage erhalten", sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde, die die EU-Staaten bereits am vergangenen Freitag zur Solidarität mit den Migranten aufgerufen hatte. Damit habe man mögliche Lösungen für den Fall ausloten wollen, dass die Behörde von einem Land um die Koordinierung gebeten werde. Eine solche Anfrage kann von jedem EU-Staat gestellt werden – was bislang aber nicht eingetreten ist.

Derzeit sitzen rund 400 Migranten auf zwei Rettungsschiffen auf dem Mittelmeer fest: Das eine gehört der spanischen Hilfsorganisation Proactiva Open Arms, das andere den beiden Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen und SOS Mediterranée.

Letztere betreiben zusammen die Ocean Viking, auf der sich momentan 251 Menschen befinden. Zuletzt hatte sie am Sonntag 81 Migranten von einem seeuntüchtigen Schlauchboot an Bord genommen – nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen der dritte Einsatz innerhalb von drei Tagen. Derzeit bewegt sich das unter norwegischer Flagge fahrende Schiff in internationalen Gewässern vor Libyen.

Zunehmende Spannungen an Bord der Open Arms

Derzeit ist unklar, wohin die Ocean Viking steuern soll und wo die Migrantinnen und Migranten an Land gehen könnten. Einen italienischen Hafen darf die Besatzung nicht anfahren – Italiens Innenminister Matteo Salvini verwehrt dies internationalen Seenotrettern.

Dies gilt auch für die Open Arms der gleichnamigen Organisation. 151 Menschen befinden sich demnach noch an Bord des Schiffes, das derzeit rund 70 Seemeilen südwestlich von Malta kreuzt. Zwar war die maltesische Regierung bereit, zwei Frauen, die eine ärztliche Versorgung benötigen, sowie sechs Familienangehörige an Land zu lassen. Auch Italien hatte einen Patienten aufgenommen – doch alle anderen müssen auf dem Schiff ausharren. Unter ihnen befinden sich auch 30 Kinder, die bereits seit anderthalb Wochen an Bord sind.

Die Hilfsorganisation kritisierte Maltas Entscheidung, da diese Spannungen auf dem Schiff ausgelöst habe. Der Gründer von Proactiva Open Arms, Oscar Camps, sprach von einem "ernsthaften Sicherheitsproblem an Bord". Die Geretteten litten unter "unerträglichen" Angstzuständen.

Matteo Salvini kontert Richard Gere

Bei einer Pressekonferenz der spanischen NGO auf der italienischen Insel Lampedusa kritisierte der US-Schauspieler Richard Gere die harte Haltung Italiens gegenüber den Migranten. "Ich liebe die Italiener sehr, eure Großzügigkeit und eure Lebensfreude. Und doch habe ich festgestellt, dass sich da etwas geändert hat", zitiert ihn die Nachrichtenagentur Ansa. Gere hatte zuvor Lebensmittel auf die Open Arms gebracht. Italiens Innenminister Matteo Salvini reagierte: "Du kannst alle Migranten mit nach Amerika nehmen in deinen Privatflugzeugen, um sie in deinen Villen zu versorgen. Danke."

Italien und Malta verweigern Rettungsschiffen immer wieder die Einfahrt in ihre Häfen und dringen darauf, dass andere EU-Staaten vorab zusichern, alle anlandenden Migranten zu übernehmen. Als Folge kommen kaum noch Schutzsuchende in Italien an. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) waren es im laufenden Jahr bislang 4.042 – im Gegensatz zu 181.436 im gesamten Jahr 2016.