Gleich zwei Rettungsschiffe mit insgesamt mehr als 160 Migrantinnen und Migranten an Bord suchen einen sicheren Hafen, den sie anlaufen dürfen. Die spanische Hilfsorganisation Proactiva Open Arms ist mit 123 Migranten auf dem Mittelmeer unterwegs. Eine Frau sei im neunten Monat schwanger und habe Wehen, twitterte NGO-Chef Oscar Camps. Die Alan Kurdi der deutschen Organisation Sea-Eye wartete am Freitag noch immer mit 40 Migranten vor der italienische Insel Lampedusa und durfte nicht anlegen.

Die Alan Kurdi hatte die Menschen Mitte der Woche gerettet und Kurs auf Italien genommen. Doch das Land zeigte sich weiter hart. Die Einsatzleitstelle der italienischen Küstenwache hätte Sea-Eye nun mitgeteilt, dass die maltesischen Behörden zuständig seien, "obwohl das Schiff genau vor Lampedusa liegt", twitterte die Regensburger Organisation. "Malta ist mehr als 20 Stunden entfernt. Ein unerträglicher Streit wird auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen." Italiens rechter Innenminister Matteo Salvini hat dem Schiff die Einfahrt bereits verboten und gedroht, es zu beschlagnahmen, sollte es in Italien anlanden.

"Open Arms" rettet in einer Nacht 68 Menschen

Auch die spanische Hilfsorganisation Proactiva sucht nach einem sicheren Hafen. Das Rettungsschiff Open Arms habe in der Nacht zum Freitag weitere 68 Migranten vor der libyschen Küste gerettet, teilte Camps mit. Das Schiff habe nun 123 Menschen an Bord, nachdem am Donnerstag bereits 55 größtenteils aus Eritrea stammende Menschen von einem Leck geschlagenen Boot gerettet worden waren. An Bord sind neben Schwangeren auch neun Monate alte Zwillinge. Die in der Nacht an Bord genommenen Migranten wiesen deutliche Zeichen von in Libyen erlittener Gewalt auf, so Camps. 

Italien hatte auch diesem Schiff schon mitgeteilt, dass es nicht anlegen dürfe. Kapitän Marc Reig sagte dem spanischen Fernsehen an Bord, er habe sich an alle zuständigen Behörden in Libyen, Malta und Italien gewandt, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Das Schiff fährt unter spanischer Flagge. 

Bald könnte ein drittes Schiff dazukommen: Die Ocean Viking will von Marseille losfahren und bräuchte dann etwa zwei Tage ins Rettungsgebiet. Das Schiff kann rund 200 Menschen aufnehmen.

Von der Leyen verspricht Italien Entlastung

Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat Italien Entlastung bei der Migration versprochen. "Wir brauchen effektive und gleichzeitig menschliche Verfahren", sagte die deutsche Politikerin bei einem Treffen mit Ministerpräsident Giuseppe Conte am Freitag in Rom. Italien, Spanien und Griechenland seien wegen ihrer geografischen Lage besonders dem Problem ausgesetzt. 

"Wir wissen, dass Migration nicht weggehen wird, es ist ein Erbe der globalisierten Welt." Solidarität sei aber keine Einbahnstraße, sie müsse von beiden Seiten kommen. "Wenn wir zusammenarbeiten, werden wir eine Lösung finden." Wie der neue Ansatz aussehen soll, sagte von der Leyen nicht. Vor allem EU-Staaten wie Ungarn und Polen lehnen es strikt ab, sich zur Aufnahme von Asylsuchenden verpflichten zu lassen.

Salvini wirft Bundesregierung Erpressung vor

Italiens populistische Regierung weigert sich seit Amtsantritt vor mehr als einem Jahr, NGO-Schiffe anlegen zu lassen. Rom will nicht nur, dass die Migranten auf andere EU-Staaten verteilt werden. Die Regierung besteht auch darauf, dass die Schiffe nicht alle in italienischen Häfen anlegen. Die EU streitet seit Langem über einen Verteilmechanismus.

Salvini warf der deutschen Regierung "Erpressung" vor. In einer E-Mail habe die Bundesregierung Italien vorgeschlagen, dass Deutschland 30 Migranten von dem italienischen Küstenwachenschiff Gregoretti übernehme, wenn im Gegenzug die 40 Migranten auf dem deutschen Rettungsschiff Alan Kurdi in Italien aussteigen dürften, hatte er am Donnerstag erklärt. 

Das Bundesinnenministerium ging darauf nicht ein. Aus dem Ministerium hieß es: "Der Bundesregierung ist es ein Anliegen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten und zu vermeiden, dass Schiffe tage- oder wochenlang vor den europäischen Häfen liegen, bevor sie anlegen dürfen." Die Regierung habe sich deshalb im laufenden Jahr in allen Fällen zur freiwilligen Übernahme aus dem Mittelmeer Geretteter bereit erklärt. "Auch im vorliegenden Fall der Gregoretti, einem italienischen Küstenwachschiff, hat sich die Bundesregierung gegenüber der Europäischen Kommission, welche die Umverteilung von Seenotgeretteten koordiniert, freiwillig bereit erklärt, für einen Teil der Seenotgeretteten die Zuständigkeit zur Durchführung der Asylverfahren zu übernehmen."