Am Dienstag hielt Alaa S. sein Schweigen nicht mehr aus. Mehr als fünf Monate und 18 Verhandlungstage lang hatte der syrische Flüchtling vor Gericht kein Wort gesagt. Hatte still und stur dabei zugesehen, wie sich Zeugen widersprachen oder an nichts mehr erinnern konnten, wie er mal belastet oder entlastet wurde. Hatte miterlebt wie die meisten Anträge seiner Anwälte durch die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Chemnitz abgewiesen wurden. Hatte dem Staatsanwalt in seinem Plädoyer dabei zugehört, wie er im Brustton der Überzeugung vortrug, dass die Beweisaufnahme ergeben habe, dass er, Alaa S., gemeinsam mit dem weiterhin flüchtigen Farhad A. in der Nacht zum 26. August 2018 am Rande des Chemnitzer Stadtfests fünfmal auf den Tischler Daniel H. eingestochen und ihn so getötet habe. 

Jetzt also, am Dienstag, zwei Tage vor der Urteilsverkündung, redete Alaa S. plötzlich. Aber nicht im Gerichtssaal, sondern am Telefon. Mit einem Reporter des ZDF-Magazins Frontal 21. Und er sagte: "Ich schwöre bei meiner Mutter, ich habe ihn nicht angefasst. Ich habe überhaupt nicht das Messer angefasst." Er klang verzweifelt. Nach einem Jahr Untersuchungshaft, fuhr er fort, könne er nicht mehr an ein faires Urteil glauben: "Ich habe sogar Angst vor dem Gericht." 

Das Gericht sieht "jegliche Zweifel" ausgeräumt

Dieses Gericht, das aus Sicherheitsgründen in einem Hochsicherheitssaal in Dresden tagte, hat den 24-jährigen Asylbewerber und gelernten Friseur Alaa S. am Mittag wegen des gemeinschaftlich begangenen Totschlags zulasten des Daniel H. sowie wegen gefährlicher Körperverletzung eines weiteren Geschädigten zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die Kammer "ist unbeeindruckt von den politischen und medialen Einflüssen des Falles zu der Überzeugung gelangt, dass der Angeklagte gemeinsam mit dem flüchtigen Iraker Farhad A. Daniel H. durch Messerstiche in den Oberbauch getötet hat", sagte die Vorsitzende Simone Herberger. Die Beweisaufnahme habe dabei "jegliche Zweifel ausgeräumt". 

Chemnitz - Neuneinhalb Jahre Haft für Messerattacke Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Alaa S. den 35-jährigen Daniel S. erstochen hat. Die Verteidigung sieht den Prozess von politischen Verhältnissen beeinflusst. © Foto: Alexander Prautzsch/​dpa

Damit geht der wohl aufsehenerregendste Strafprozess des Jahres mit einem umstrittenen Urteil zu Ende. Und damit auch die Hoffnung, die der Angeklagte in seinem letzten Wort dann auch vor Gericht geäußert hatte: "Ich hoffe", hatte er da gesagt, "nicht das zweite Opfer des wirklichen Täters sein zu müssen. Das erste ist Daniel H., das zweite bin ich, wenn ich für den Täter bestraft werde." Seine Verteidiger haben bereits Revision gegen das Urteil eingelegt. Rechtsanwältin Ricarda Lang sagte direkt nach Prozessende: "Das Urteil stand schon am ersten Tag fest." Das Gericht habe nicht unbeeinflusst von den politischen Verhältnissen in Chemnitz Recht gesprochen.

Es gibt keine DNA-Spuren

Das Urteil wirft in der Tat viele Fragen auf. Zum ersten verwundert die absolute Überzeugung des Gerichts, dass Alaa S. schuldig ist. Schließlich gibt es – und das räumte das Gericht auch ein – bis zum heutigen Tag nicht einen einzigen Sachbeweis für seine Tatbeteiligung. Keine DNA-Spuren auf der Tatwaffe, weder Blutspuren des Opfers an seiner Kleidung noch an der des Opfers, keine Kampf- oder Abwehrverletzungen, keine Faserspuren, nichts. 

Zweitens verwundert, dass das Gericht nach der Aussage Alaa S.‘ in den Medien nicht direkt wieder in die Beweisaufnahme eingetreten ist. Mit den erstmaligen Aussagen seit Prozessbeginn bestünde ja durchaus die Möglichkeit, hier ein neues Beweismittel generieren zu können. Aber das war der Kammer offenbar ebenso unwichtig wie die Schlussvorträge der Verteidigung. Anders ist es jedenfalls nur schwerlich zu erklären, warum das Plädoyer der Verteidigung gerade mal drei Stunden vor dem Urteil gehalten werden musste. Der Eindruck einer sorgfältigen Abwägung der Argumente, der Eindruck, als könnten diese an der Überzeugung der Kammer irgendetwas ändern, drängt sich jedenfalls nichts auf. 

Der ZEIT hatte Alaa S.‘ Rechtsanwältin Ricarda Lang am Vortag des Urteils gesagt: "Wenn dieses Gericht meinen Mandanten verurteilt, dann geschieht großes Unrecht." Fast wortgleich wiederholte sie dies dann in ihrem Plädoyer. Und ergänzte: "Ein Angeklagter hat nicht seine Unschuld nachzuweisen, sondern ihm ist zweifelsfrei seine Schuld zu beweisen." Das aber sei hier nicht im Ansatz geschehen. Das ist der dritte verwunderliche Punkt.