Es gibt einfach immer noch Leute, die Brandenburg nicht kennen. Die demzufolge auch gar nicht wissen, dass die besten Witze über Brandenburg schon längst gemacht wurden. Nämlich in diesem Lied von Rainald Grebe, das mit den Klängen von Spiel mir das Lied vom Tod beginnt und dann zu einer der lustigsten Beschreibungen anhebt, die je über ein deutsches Bundesland angefertigt wurden. "Da stehn drei Nazis auf dem Hügel und finden keinen zum Verprügeln", sang Grebe erstmals 2005, und: "Ich fühl mich heut so ausgebrandenburgt." Nie davor und danach hat jemand mit solch maliziöser Präzision Nachwendebrandenburg niedergemacht.

Umso merkwürdiger ist es, dass ich von keinem Brandenburger weiß, der Brandenburg nicht mag. Die meisten fangen an zu grinsen, wenn man sie darauf anspricht, viele haben eine Zeile parat. Grebe trug das Lied sogar mehrmals in einem dieser Autohäuser in Schwedt vor, die er in dem Lied so verspottet. Man kann sagen, der beste Brandenburg-Diss aller Zeiten hat in Brandenburg den Status einer inoffiziellen Hymne. Und das mitten im Osten, dem ja kollektives Beleidigtsein nicht ganz fremd ist.

Christian Bangel, 40, geboren und aufgewachsen in Frankfurt (Oder), ist Politischer Autor bei ZEIT ONLINE © Jakob Börner

Aber so ist Brandenburg, die Gegend, aus der ich komme: unberechenbar in ihrer Zuneigung. Brandenburg, wo man im McDonald's von der Kassiererin im Rentenalter richtig hart angeschnauzt wird, wenn man nicht sofort zwischen Ketchup und Mayo entscheidet. Und wenn man sich aber dann über den Ton beschwert, dann sagt sie erstaunt: "War nich böse jemeint. Ick bin so." Und spendiert einen Kaffee. Frei nach Roberto Benigni: "Very strange country, my country".

"Schalten Sie ruhig das Handy aus"

Brandenburg umgibt Berlin wie das Meer eine Insel. Es ist größtes ostdeutsches Bundesland, hat aber nur 2,5 Millionen Einwohner. Es hat eine fast 300 Kilometer lange Grenze zu Polen. Seine Natur ist schön, wunderschön – wenn nicht gerade der Wald brennt, die Bäume vertrocknen oder der Borkenkäfer wütet. Jede Milchkanne hat nach der Wende ihr eigenes Naturschutzgebiet bekommen, weswegen das Land in vielen Gegenden aussieht wie aus einer Krombacher-Werbung abgefilmt. Endlose Landstraßen, Wälder und Seen, um die manchmal noch nicht mal ein Trampelpfad führt. Man kann in Brandenburg sehr gut der Menschheit abhandenkommen. "Deutschlands Schweden" – das wäre jetzt nicht ganz falsch, so als Imagekampagne. Oder, wenn man das traurige Thema Mobilnetz zu einem Pluspunkt machen will: "Schalten Sie ruhig das Handy aus."

Für die, die hier leben, ist die Leere in manchen Regionen natürlich nur so halb witzig. Hunderttausende sind von hier abgehauen, vor allem in den Neunzigern und Zweitausendern. Über uns Exilanten weiß man wenig, nur dass wir oft jung und gut ausgebildet und dass unter uns viele Frauen sind. Und dass, wären wir dageblieben, Brandenburg heute ein Drittel mehr Einwohner hätte. Vielleicht wäre heute Brandenburg noch einmal ganz anders, wären wir geblieben. Aber wer weiß das schon. Wir sind abgehauen, also sind wir raus, werden viele Brandenburger sagen. Das stimmt. Aber auch wenn ich am Sonntag nicht mitwähle: Ich fühle mit.

Wendekind

Ich bin ein Wendekind. Aufgewachsen als Jungpionier in Frankfurt (Oder), mit zehn die Revolution erlebt. Das Leben funkelte 1989, aber nicht sehr lange. Als Teenager mit Kurt-Cobain-Frisur wurde ich von Glatzen durch die Straßen gejagt, mit zwanzig flüchtete ich schließlich auch deswegen nach Hamburg. Anderen ging es genauso. Man kann 89/90 von Peter Richter lesen, um zu verstehen, wie gewalttätig die Straßen im anarchischen Osten der Neunziger waren. Das Schlimmste waren nicht die Tritte der Nazis. Das Schlimmste war das Gefühl, dass sich in den Wirren der Nachwendezeit fast niemand dafür sonderlich interessierte. Niemand würde uns helfen, auch nicht, wenn es Tote geben würde. Ich jedenfalls schaute, einmal weg, nicht mehr allzu oft zurück. Ich baute mir ein neues Zuhause auf. Aber ich glaube, jeder, der seine Heimat verlässt, erfährt irgendwann, dass es eine Illusion ist, sie wirklich komplett hinter sich lassen zu können. 

Als in den vergangenen Jahren Sachsen zum Zentrum einer rechten Revolte wurde und als es daraufhin immer wieder um "den Osten" ging, da wuchs auch mein Interesse an Brandenburg wieder. Erst fürchtete ich, bald auch in Brandenburg Pegida-Märsche zu erleben, vielleicht sogar Bekannte oder Verwandte in die Kamera winken zu sehen.

Aber dann waren die Nachrichten ganz andere. Es kam auch in Brandenburg zu flüchtlingsfeindlichen Übergriffen, doch gab es immerhin keine Figuren der Sorte Lutz Bachmann und auch keine rechtsgewandten Intellektuellen wie Uwe Tellkamp. Der Versuch, Pegida auch in brandenburgischen Städten laufen zu lassen, scheiterte jämmerlich. Stattdessen erhielt in Frankfurt (Oder) ein Ex-Antifa fast eine Zweidrittelmehrheit bei der Oberbürgermeisterwahl. Menschen, von denen ich es nicht erwartet hatte, engagierten sich in der Flüchtlingshilfe.

Irgendwie häuften sich die Anzeichen, Brandenburg sei inzwischen mehr als nur ein Teil des Ostens. Als sei es inzwischen mehr Berlin als Sachsen geworden. Ich schöpfte Hoffnung, dass wir uns vielleicht nicht so weit auseinanderentwickelt hatten, wie ich dachte. Ich fuhr hinaus, wann immer ich konnte.