Auf den letzten Metern ist der deutsche Rechtsstaat dann doch seiner Schutzfunktion nachgekommen: Zehn Wochen währte der Prozess, nun hat die Justiz die Männer, die 32 Mädchen und Jungen über Jahre auf einem Campingplatz sexuell missbrauchten, zur Rechenschaft gezogen. Im Prozess um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde hat das Landgericht Detmold die beiden geständigen Angeklagten zu hohen Haftstrafen verurteilt. Nachdem sich die Behörden jahrelang in dieser Causa so viele Schludrigkeiten erlaubten, ging es vor Gericht am Ende schnell. Wenigstens das.

Der Missbrauchsfall von Lügde gilt zu Recht als einer der größten Skandale der jüngeren Geschichte – vor allem, weil ein kollektives Behördenversagen dazu führte, dass die Täter ihre Opfer über Jahre hinweg peinigen konnten, obwohl es deutliche Hinweise auf deren Straftaten gegeben hatte. Insgesamt 450 Missbrauchstaten sollen die Beschuldigten an Kindern verübt haben. Die jüngsten von ihnen waren Mädchen und Jungen im Kindergartenalter.

Kinder trafen vor Gericht nicht auf ihre Peiniger

Andreas V., ein arbeitsloser Dauercamper, muss für 13 Jahre ins Gefängnis. Mario S., der erst eine Ausbildung zum Baumaler machte, später als Leergutsammler arbeitete und bis zu seiner Festnahme bei seinen Eltern im nordrhein-westfälischen Steinheim wohnte, erhielt eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren. Außerdem ordnete die Strafkammer für beide Männer die anschließende Unterbringung in der Sicherungsverwahrung an. Heiko V., ein dritter Täter, war im Vorfeld bereits zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden, weil er die Missbrauchshandlungen der Täter qua Webcamübertragung verfolgt hatte. Selbst beteiligt war er aber nicht. Zwar blieb die Richterin mit ihrem Urteil unter der Höchststrafe. Doch durch die anschließende Sicherungsverwahrung können die Opfer zumindest sicher sein, ihren Peinigern für sehr lange Zeit nicht über den Weg zu laufen. Ein schwacher, aber ein wichtiger Trost, nach allem, was sie durchmachen mussten.  

Gemessen an dem, was alles schief gelaufen war im Vorfeld, lief die Gerichtsverhandlung zumindest so diszipliniert ab, dass die Opfer nicht noch weiter belastet wurden: Weil Andreas V. und Mario S. recht schnell nach ihrer Festnahme Geständnisse abgelegt hatten, konnte ein Aufeinandertreffen der Kinder mit V. und S. im Gerichtssaal vermieden werden. Die meisten Zeugenvernehmungen hatten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden. Und die Täter verhielten sich relativ still: Mario S. und Andreas V. überließen das Wort während der Verhandlungen weitgehend ihren Anwälten und verzichteten auch auf letzte Äußerungen vor der Urteilsverkündung. Vielleicht war es besser so. Denn was hätten sie angesichts der Brutalität ihrer Taten auch Tröstliches dazu sagen können?

 "Manipulativ, narzisstisch und antisozial"

Auch wenn die Justiz nun erst einmal durchgegriffen hat: Die Fassungslosigkeit bleibt. "Nach wie vor fällt es schwer, das Geschehen in Worte zu fassen", brachte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda dieses Gefühl, das wohl die meisten Beobachter teilen, in ihrer Urteilsbegründung auf den Punkt. Worte wie "abscheulich, monströs, widerwärtig" reichten nicht aus, das Geschehen zu beschreiben. Die Richterin sprach die Verurteilten mehrfach direkt an: "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten ihrer sexuellen Begierden degradiert und 32 Kindheiten zerstört." Angesichts dieser Bilanz ist es umso schockierender, dass den Tätern offenbar jedes Schuldgefühl fehlt. Die Kammer habe leider nicht den Eindruck gewinnen können, dass die beiden auch nur ansatzweise verstanden hätten, welche Schuld sie auf sich geladen hätten, hieß es. Einen Hinweis auf die Persönlichkeit des Täters Andreas V. hatte eine Psychiaterin im Verlauf des Prozesses gegeben. Ihrem Gutachten zufolge habe der Täter, der seine eigene Pflegetochter als Lockvogel eingesetzt hatte, einen manipulativen, narzisstischen und antisozialen Charakter – mit einer tief verwurzelten Neigung für Kindesmissbrauch.

Auch wenn die Justiz schnell und hart gehandelt hat: Es stellt sich die Frage, ob 12 und 13 Jahre Haft plus Sicherheitsverwahrung das richtige Maß sind, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Aus Sicht vieler Angehöriger wäre eine höhere Haftstrafe sicher angemessen gewesen. Grund für den Abschlag war vor allem, dass die Täter geständig waren. Ein Argument, das selbst der Anwalt eines Opfers, Roman von Alvensleben, aus juristischer Sicht nachvollziehen kann. "Von solchen Urteilen, gerade in so viel beachteten Fälle, geht ja auch eine Signalwirkung aus", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Wie soll ich einen Täter davon überzeugen zu gestehen, wenn das nicht honoriert wird?"

Weder Polizei noch Jugendamt ausreichend aktiv

Mit der Verurteilung der Täter ist der Fall Lügde jedoch alles andere als beendet. Alles entscheidend wird sein, dass all jene, die versagten, als das Drama noch hätte verhindert werden können, nun die richtigen Lehren aus dem Skandal ziehen. Der Fall zeigte nämlich nicht nur, zu welcher Grausamkeit zwei erwachsene Männer fähig waren, sondern auch ein kollektives Behördenversagen. Trotz mehrfacher Hinweise hatten weder Polizei noch Jugendamt ausreichend ermittelt, oder sie hatten etwas unternommen, aber taten dies unprofessionell.