Blick über das Flüchtlingscamp Moria © Charlotte Schmitz

Und die Situation wird immer unübersichtlicher. "Die vergangenen Monate hätte man das Camp ausbauen können. Man muss auf diese Entwicklungen vorbereitet sein", sagt Janikhushk. Was in den Wintermonaten passieren könnte, will sie sich noch nicht vorstellen müssen. Viele Neuankömmlinge schlafen unter freiem Himmel. Zelte gibt es keine mehr.

Am Montagvormittag begann die griechische Regierung nun damit, 1.500 Menschen auf das griechische Festland zu transferieren. Dort werden sie in das Flüchtlingslager Nea Kavala gebracht. Die griechischen Behörden sind überfordert mit der Situation. Janikhushk wundert das nicht. Die EU-Asylagentur Easo schaffe bis zu 400 Anträge pro Woche, heute kommen doppelt so viele Geflüchtete auf der Insel an. Zudem sei die Finanzierung für die griechische Zentrale zur Erkennung und Vorbeugung von Krankheiten (Keelpno) ausgelaufen.

Vor dem EU-Türkei-Abkommen vom März 2016 wurden die Ankommenden hier nur registriert und dann weitergeschickt. Die meisten reisten weiter über den Balkan nach Zentraleuropa. Nun müssen Asylsuchende so lange auf der Insel bleiben, bis ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Erst dann können sie auf das griechische Festland übersetzen. Das Warten wird zur Aufgabe des Tages. Es löst ein Vakuum aus, das sich oft in Gewalt entlädt. "Auch wenn du keine psychische Belastungsstörung aus deinem Heimatland hast, wirst du sie spätestens auf der Flucht und im Camp entwickeln", sagt Liza Papadimitriou, Case Work Supervisor aus der Stadtklinik von Ärzte ohne Grenzen. 

Viele Menschen leiden an schweren Traumata, doch die Ärzte im Camp und im hiesigen Krankenhaus sind nicht darauf vorbereitet, Folteropfer oder Angststörungen zu betreuen. Das führt immer wieder zu Fehleinschätzungen im Asylprozess: "Natürlich wird eine Frau, die schwanger ist, schneller als schutzbedürftig eingestuft als jemand, der schwerste psychische Probleme hat, weil er sexuell misshandelt wurde und sich umbringen möchte. Diese Verletzlichkeit ist weniger sichtbar", sagt Papadimitriou.

"Sie hätten das Leben in Moria nicht mehr länger ausgehalten"

Information wird angesichts der Lage im Camp zur Ware, die Freiheit oder das eigene Leben kosten kann. Noch immer wird Janikhushk auf der Straße in Mytilini oder im Bus auf dem Weg nach Moria von anderen Afghanen gefragt: "Wo finde ich meine Frau?", "Warum ist mein (Asyl-)Interview 2021?", "Warum sitzt mein Mann im Gefängnis?", "Wo bekomme ich Milchpulver für mein Kind?", "Warum gibt der Militärarzt meinem Mann nur Paracetamol bei schwerer Tuberkulose?" Die meisten Fragen kann sie nicht beantworten.

Sieben Monate lang war das für Janikhushk ein Fulltimejob. Ihre zehnjährige Tochter litt immer mehr unter der Anspannung in Moria, sie schrie nachts, wurde immer wütender auf ihre Mutter, die all ihre Zeit für andere und keine mehr für sie aufbrachte – bis sie kündigte. Ohne im Camp zu leben, kann sie den Job als Community Leader nicht mehr ausführen. "Die Gesundheit meiner Kinder ist das Wichtigste", sagt Janikhushk. "Sie hätten das Leben in Moria nicht mehr länger ausgehalten."

Vor ihr schiebt ihr Mann den Kinderwagen auf dem nächtlichen Hafenplatz umher. Ihre Tochter läuft neben ihm mit Turnschuhen, die bei jedem Schritt blinken. "Mal sehen, was die Nacht bringt", sagt Janikhushk und stellt ihr Telefon wieder laut. Sie lacht unverbittert, ohne die Wut, die viele Geflüchtete im Camp wie eine Uniform tragen.