Anfang Juni wird der Regierungspräsident von Kassel, Walter Lübcke, tot auf der Terrasse seines Hauses gefunden. Die Spur führt in die Neonaziszene. Stephan E., der Hauptverdächtige, sitzt in Untersuchungshaft. Nun ermittelt der Generalbundesanwalt gegen ihn wegen eines zweiten schweren Gewaltverbrechens. Ein Überblick über den Stand der Ermittlungen

Was wird Stephan E. vorgeworfen?

Die Generalbundesanwaltschaft geht davon aus, dass Stephan E. den Kasseler CDU-Politiker Walter Lübcke am 2. Juni auf der Terrasse seines Hauses mit einem Kopfschuss ermordet hat.

Die Ermittler vermuten außerdem, dass E. mindestens ein weiteres schweres Verbrechen beging: Er soll am 6. Januar 2016 im hessischen Lohfelden versucht haben, "einen irakischen Asylbewerber heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen zu töten", wie es in einer Mitteilung der Bundesanwaltschaft heißt. Stephan E. soll sich dem Opfer "unbemerkt von hinten genähert und ihm dann unvermittelt mit einem Messer in den oberen Rücken gestochen haben." Der Asylbewerber wurde schwer verletzt und musste ins Krankenhaus. Die Ermittler sprechen von versuchtem Mord in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung.

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Welche Motive sehen die Ermittler für die Taten?

Stefan E. war lange in der rechtsradikalen Szene aktiv, 2009 hatte ihn der hessische Verfassungsschutz als Gefährder eingestuft. Schon als 20-Jähriger hatte er 1993 ein Asylbewerberheim mit einer Rohrbombe angegriffen und im Jahr davor einen Ausländer mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Die Ermittler prüfen Verbindungen zu Neonazigruppierungen wie Sturm 18, Oidoxie-Streetfighting-Crew, Autonome Nationalisten – und Combat 18.

Die Ermittler gehen davon aus, dass diese Gesinnung das Motiv für den Mord an Walter Lübcke sowie den mutmaßlichen Mordversuch an dem Asylbewerber war.

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Welche Hinweise gibt es im Fall Lübcke?

Lübcke war für seine offene Haltung zu Flüchtlingen bekannt und daher in der rechtsextremen Szene ein Feindbild.

Kurz nach seiner Festnahme legte E. am 25. Juni ein Geständnis ab. Am 2. Juli widerrief er es.

Unter den zahlreichen Waffen, die die Polizei in einem Erdversteck fand, war auch die Mordwaffe: ein Revolver Kaliber 38. E. hatte die Polizei auf das Versteck aufmerksam gemacht.

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Hatte Stephan E. Komplizen?

Die Bundesanwaltschaft ermittelt auch gegen Elmar J. und Markus H.

Elmar J. stehe "im Verdacht, dem dringend tatverdächtigen Stephan E. im Jahr 2016 die spätere Tatwaffe, eine Faustfeuerwaffe im Kaliber .38, verkauft zu haben", heißt es von der Behörde. Demnach war es H., der den Kontakt zwischen dem Waffenhändler und E. herstellte.

Der Bundesgerichtshof (BGH) geht davon aus, dass Markus H. Stephan E. in seinem Tatentschluss bestärkte. H., der in Untersuchungshaft sitzt, hatte sich dagegen gewehrt. Aus dem Beschluss, mit dem der BGH die Beschwerde abwies, geht hervor, dass H. stärker in den Fall Walter Lübcke eingebunden sein könnte, als bisher bekannt.

Dem veröffentlichten Beschluss zufolge gehen die Richter am BGH davon aus, H. habe es spätestens ab Juli 2016 für möglich gehalten, dass E. einen "politischen Entscheidungsträger aus fremdenfeindlichen Motiven" töten werde. H. habe gebilligt, E. durch mehrfaches gemeinsames Schießtraining und Teilnahmen an Demonstrationen in seinem Tatentschluss bestärkt zu haben. Dadurch habe er "psychische Beihilfe" geleistet. Zudem teile H. die "Motive und Ziele" von Stephan E.

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