In der Disco, auf dem Schulhof oder in der Fußgängerzone: Filmt oder fotografiert jemand heimlich den Intimbereich unter einem Kleid oder Rock, bezeichnet man diesen Übergriff als Upskirting. Noch ist eine solche Handlung in Deutschland nicht strafbar. Doch Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will das ändern. Um das "demütigende und herabwürdigende Verhalten" der Täter einzudämmen, plant die Politikerin eine Reform des Strafgesetzbuchs.

Gesetze zu Upskirting existieren in vielen Ländern, zum Beispiel Australien oder Japan. Seit April ist das unerlaubte Fotografieren unter die Kleidung auch in Großbritannien strafbar, wo es mit einer Haftstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet wird. Maßgeblich dazu beigetragen hat die 27-jährige Aktivistin Gina Martin. Auf einem Musikfestival in London hatte ein Unbekannter unter ihren Rock fotografiert. Weil es keine Möglichkeit gab, ihn anzuzeigen, startete sie eine Petition für das Verbot der unerlaubten Bilder – mit Erfolg. Der Fall inspirierte auch zwei  junge Frauen aus Deutschland: Hanna Seidel und Ida Marie Sassenberg starteten hierzulande vor wenigen Monaten eine Onlinepetition mit dem Ziel, Upskirting zur Straftat zu erklären. Mehr als 90.000 Menschen unterschrieben. Am 20. September wird der Bundesrat nun über eine Änderung des Strafgesetzes diskutieren. 

Die Kriminalexpertin Esther Papp, die bei der Polizei München Opfer von Sexualdelikten berät, begrüßt die Initiative. Im Interview erklärt sie, warum ein Straftatbestand die meisten Täter aber dennoch nicht abhalten wird.

ZEIT ONLINE: Frau Papp, Sie arbeiten als Kriminalhauptkommissarin bei der Polizei in München und beraten Frauen, die Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind. Wird es Ihre Arbeit einfacher machen, wenn Upskirting ein Straftatbestand ist?

Esther Papp: Ja, denn das wird einerseits auf manche Täter eine abschreckende Wirkung haben und andererseits das Bewusstsein in der Öffentlichkeit schärfen, dass solch heimliche Aufnahmen nicht okay sind. Ich hoffe, dass dann mehr Menschen, die so eine Tat beobachten, einschreiten werden. Und dass künftig mehr Betroffene diese Taten auch anzeigen. 

ZEIT ONLINE: Wie verbreitet ist das Phänomen denn?

Papp: Wir gehen davon aus, dass die Dunkelziffer hoch sein dürfte, aber wir haben keine valide Statistik dazu. Für den Großraum München verzeichnen wir im Schnitt zwei Fälle pro Monat. Bundesweite Zahlen gibt es nicht. 

ZEIT ONLINE: Warum nicht? 

Papp: Viele Frauen bringen den Übergriff nicht zur Anzeige, darum erfahren wir nichts davon. Das liegt daran, dass die Tat sehr schnell passiert und die Täter meistens flüchten. Oft gibt es keine Chance, den Täter festzuhalten. Viele glauben, dass es sich nicht lohnen würde, den Vorfall zur Anzeige zu bringen. Manchmal beschwichtigt auch das Umfeld, dass ja niemand zu Schaden gekommen sei – oft wurden die Frauen ja nicht berührt. Manchmal bemerken die Opfer nicht, dass sie heimlich im Intimbereich fotografiert worden sind. Dann kommt noch hinzu, dass heimliche Aufnahmen unter den Rock ja bisher kein Straftatbestand sind. Man kann die Tat heute zwar als Beleidigung anzeigen, aber dann taucht sie in der Polizeistatistik eben als Beleidigung auf und nicht als Sexualstrafdelikt. 

ZEIT ONLINE: Wer sind die Opfer?

Papp: Frauen – und zwar unabhängig von Alter oder Attraktivität. Man kann nicht sagen, dass nur junge Frauen oder besonders attraktive Frauen betroffen wären. Wir gehen davon aus, dass prinzipiell jede Frau betroffen sein kann. Den Tätern kommt es vor allem auf einen günstigen Augenblick an. Die sind regelrecht auf der Jagd nach der neuesten Trophäe. Häufig werden solche Aufnahmen zum Beispiel im Einkaufscenter oder der U-Bahn-Station auf der Rolltreppe angefertigt, auf Treppen oder durch gläserne Fahrstühle. Aber auch im Gedränge, etwa auf Volksfesten wie beim Oktoberfest oder bei Konzerten, kommt es zu diesen Übergriffen. 

ZEIT ONLINE: Wer sind die Täter und was ist ihre Motivation?

Papp: Bei den Tätern handelt es sich oft um Männer mittleren Alters. Sie haben es auf ein Bild vom Po oder von der Scheide abgesehen. Manche sind wie Jäger, die Fotos sind wie Trophäen für sie. Macht auszuüben ist für manche eine Motivation, viel stärker ist aber eine sexuelle. Weil die Fotos Trophäen für sie sind, bleiben die Bilder in der Regel auch bei den Tätern. Häufig finden wir bei ihnen Tausende von Fotos, oft gut archiviert – Tausende Popo-Aufnahmen als Trophäen. Die Männer benutzen die Bilder für die eigene sexuelle Stimulation. Man kann das Phänomen letztlich als eine Art des Spannens betrachten.