Terror hier? Vor der eigenen Haustür? – Seite 1

Politikerinnen und Politiker trauern nach dem Anschlag in Halle. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Keine 24 Stunden ist her, dass ein 27-Jähriger das Trauma nach Halle brachte, da hat sich fast schon so etwas wie eine Anschlagsroutine eingestellt. Der Bundesinnenminister ist angereist, um seine Anteilnahme auszudrücken. Ebenso wie Ministerpräsident Reiner Haseloff, Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, und sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Alle, alle sind sie da, um Halle in diesen schweren Stunden nicht allein zu lassen.   

"Das ist Pflichtprogramm", sagt Florian Lichtner, als die Limousine des Bundespräsidenten vor dem Tatort des Anschlags in Halle an jenem Dönerimbiss hält, wo ein Mensch wegen eines sinnlosen Anschlags sein Leben ließ. Doch eigentlich findet er es gut, sagt er, dass sich Politiker an seinem Wohnort blicken lassen. In der kleinen Straße, die zum Schauplatz zweier furchtbarer Morde wurde, nachdem der ursprüngliche Plan des Attentäters nicht aufgegangen war – eine Synagoge zu stürmen und dort einen Anschlag auf Gläubige zu verüben. Aber was bringt all die Anteilnahme, wenn vorher alle Warnzeichen übersehen wurden, all jene Taten unterblieben, die das Drama hätten abwenden können? "Es gab genug Anzeichen, dass so etwas passieren wird", sagt Lichtner.

Der 29-Jährige ist Hotelfachmann von Beruf und lebt im Paulusviertel von Halle. Ruhig geht es hier zu, bürgerlich. Viele junge Familien leben in den Gründerzeitbauten. Und natürlich wird hier protestiert gegen das Hausprojekt der rechtsextremen Identitären Bewegung gleich um die Ecke. Wer hier lebt, wählt in der Regel grün oder links.

Am Abendbrottisch, in der Kneipe, auf der Straße hatte man über das Attentat in Christchurch diskutiert, über den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die meisten wohl waren sich bewusst: Rechtsextreme Strukturen, selbst Terrorrisiko gibt es allerorten. Aber jetzt hier? In der eigenen Straße? Vor der eigenen Haustür?

Eine fast unheimliche Rastlosigkeit

Am Tag nachdem ein vor allem antisemitisch motivierter Attentäter eine Passantin und einen Gast des nahen "Kiez-Döners" erschoss, herrscht in der Ludwig-Wucherer-Straße eine fast unheimliche Rastlosigkeit. Fast scheint es, als sei das ganze Viertel, in dem ein paar Stunden zuvor noch vollkommene Stille herrschte – die Polizei hatte die Gegend stundenlang weitläufig abgesperrt – auf den Beinen. Viele haben Blumen für die Opfer abgelegt, man trifft sich, man spricht miteinander. Während die Menschen deutschlandweit mögliche Ursachen diskutieren, sich ein paar Meter weiter die Politikprominenz die Ehre gibt, versucht ein traumatisiertes Viertel eine Haltung zu dem Unfassbaren zu finden.

Menschen trauern in Halle. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Der Schock ist den meisten von ihnen anzusehen, doch auch hier am Tatort sind die Opfer selbst weniger das Gesprächsthema als die Versuche, das Geschehene zu verstehen. Eine 80-Jährige fühlt sich an ihre Kindheit erinnert, ihre Mutter habe bei einem Juden gearbeitet, der irgendwann einfach verschwand: "Es fängt genauso wieder an, wie es unsere Eltern erlebt haben", sagt sie. Ein anderer Anwohner meint mit Blick auf Attentäter wie Stephan B.: "Das sind durchgeknallte Leute, die auf den richtigen politischen Nährboden treffen."

Eine Studentin kritisiert, dass rechte Netzwerke beim Wahlkampf kurz vor der Oberbürgermeisterwahl keine große Rolle gespielt hätten. "Wer noch von Alarmzeichen spricht, hat sich die letzten 20 Jahre die Augen und Ohren zugehalten."

Mit dem Dönerbudenbesitzer per Du

Aiman A. Mazyek, rechts, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, im Gespräch mit einem Augenzeugen aus dem Dönerladen © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Gerade mal 600 Meter liegen zwischen der Synagoge und dem Dönerimbiss, wo alle gern hinkommen, Bauarbeiter, Familienväter, Studentinnen, und mit dessen Besitzer die meisten per Du sind. An diesem Tag drängen sich die Menschen entlang der prächtigen Altbauten, kleine, schweigende Grüppchen laufen von einem Tatort zum anderen, vorbei an Polizisten und Kameraleuten. Noch ist wenig über die Opfer des Anschlags bekannt. Jana L. heißt die Frau, die vor der Synagoge ihr Leben ließ, wohl auch weil sie den Attentäter ansprach. Laut der Städtischen Zeitung soll sie 40 Jahre alt gewesen sein.

Im Dönerimbiss starb laut des Fanclubs des halleschen Drittligisten HFC Kevin S. Der 20-Jährige arbeitete auf einer Baustelle in der Nähe und war zum Essen in den Imbiss gekommen. Beide Opfer entsprechen in nichts dem Feindbild des Täters: Stephan B. hasste Juden, linke Aktivisten, Muslime. Kevin S. und Jana L. starben, weil sie gerade da waren, wo auch Stephan B. entlangkam mit seinem Zorn. Ihr Schicksal führt vor Augen, dass die Wut von Rechtsextremisten jeden in der Gesellschaft treffen kann.

Der Imbiss, den der Attentäter angriff © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Dieses Bewusstsein ist heute in der Ludwig-Wucherer-Straße überall zu spüren. "Er hätte auch hier reinrennen können", sagt Kumar Lakhvir, er arbeitet in einem chinesischen Restaurant direkt gegenüber der Dönerbude. Diese Zufälligkeit mache es einerseits leicht, den Alltag wieder aufzunehmen, sagen einige. Aber sie nage auch an einem. "Die Leute haben Angst, dass es jederzeit wieder passieren kann", sagt Lakhvir. "Ich kann nicht verstehen, warum ein Fanatiker so leicht an Waffen kommen kann."

Warum hat sich der Attentäter radikalisiert, sodass er aus Hass Menschen töte wollte? Auch diese Frage bewegt die Menschen. "Es kann nicht sein, dass das niemanden aufgefallen ist", sagt Myriam S., die Freundin des Imbissbesitzers. "Er hat das sicher nicht für sich behalten." Erstaunlich reflektiert ist die junge Frau dafür, dass sie selbst ganz nah an den schrecklichen Ereignissen dran war.

Eine versöhnliche Botschaft

Es war mittags, als ihr einer der Imbissmitarbeiter eine SMS schrieb: "Hier ist ein Mann, er schießt und es gibt Tote." Myriam S. fuhr sofort hin. Sie versteckte sich in ihrem Auto und sah, wie der Täter auf die Polizisten schoss. Sie habe überlegt, ob sie den Täter mit ihrem Auto einfach umfahren, ihn aus dem Weg räumen könne, sagt sie. Der Gedanke lässt sie nicht mehr los, auch jetzt noch, nachdem alles vorbei ist. Als der Täter flieht und die Polizei ihm hinterherjagt, geht sie in die Dönerbude und findet den Toten. Die 24-Jährige kümmert sich wie in Trance um den Mitarbeiter des Dönerladens, der die Tat mit ansehen musste. Heute, einen Tag später, jagt immer und immer wieder ein Gedanke durch ihren Kopf: "Wenn jemand mit einer Waffe kommt, was kannst du tun?"

Die Synagoge in Halle © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Ein paar Meter weiter tritt eine junge Frau vor die Tür der Synagoge, Christina Feist. Auch diese junge Frau hat den Anschlag selbst miterlebt. Die Jüdin aus Berlin war am Tag des Anschlags in der Synagoge. Erstaunlich ruhig und geduldig berichtet sie, was passiert ist. Wie der Kantor auf den Monitoren der Überwachungskamera plötzlich eine Person mit einer Schusswaffe gesehen habe und alle sich in der Küche im Obergeschoss versteckten. Sie spricht von Stunden schrecklicher Ungewissheit, auch davon, wie sich die Gemeinde gegenseitig stützte. "Jüdisches Leben in Deutschland ist nicht leicht", sagt sie. "Gesellschaftlich und politisch gibt es keinen Druck, damit sich etwas ändert."

An diesem Tag hat sie trotzdem auch eine versöhnliche Botschaft. "Halle wird uns wiedersehen", sagt Feist. Sie will Jom Kippur, den höchsten jüdischen Feiertag, im nächsten Jahr wieder hier verbringen.