"Der schuldabwehrende Antisemitismus hat zugenommen" – Seite 1

Matthias Quent leitet das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena. Quent war Sachverständiger für Untersuchungsausschüsse mehrere Parlamente und für die Stadt München. 2012 erhielt er den Nachwuchspreis des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus/Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf und 2016 den Preis für Zivilcourage der Stadt Jena. Im August erschien sein neues Buch "Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können". (Piper Verlag)

ZEIT ONLINE: Herr Quent, in jüngster Zeit gab es immer wieder Meldungen über judenfeindliche Beleidigungen oder Übergriffe. Auch wenn man die Statistiken anschaut, bekommt man den Eindruck, dass Gewalttaten gegen Juden in den letzten Jahren zugenommen haben.

Matthias Quent: Das lässt sich schwer sagen. Die Messung antisemitischer Gewalt ist kompliziert, auch weil in der Vergangenheit viel ignoriert wurde. Es gab immer wieder rechtsterroristische Anschläge, wie zum Beispiel den Mord an dem Rabbiner Shlomo Lewin und seiner Frau 1980 in Erlangen, im Jahr 2000 den Anschlag in Düsseldorf-Wehrhahn, wo vor allem jüdische Spätaussiedler betroffen waren, und auch bei den NSU-Morden hat Antisemitismus eine Rolle gespielt.

ZEIT ONLINE: Schauen wir also neuerdings einfach genauer hin?

Quent: Ja. Gerade bei der Auswertung empirischer Studien stellt man fest: Der klassische Antisemitismus ist sogar zurückgegangen. Was zugenommen hat, ist der strukturelle und der schuldabwehrende Antisemitismus. 

ZEIT ONLINE: Der Angreifer von Halle war rechtsextrem und Antisemit. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Komplexe?

Quent: Antisemitismus geht weit über den Rechtsextremismus hinaus, aber er ist immer auch ein Kernelement von rechtsextremer, antimoderner Weltanschauung. Dabei hat sich der Diskurs verändert. Heute wird nicht mehr von "den Juden" direkt gesprochen. Man weicht auf Chiffren aus. Wie beispielsweise in den USA, wo man eher zu dem Begriff "Ostküsten-Kapitalisten" greift, damit aber Juden meint. Oder man spricht von den "Multikulturalisten", die die Völker zerstören würden, wie es in dem Buch von AfD-Politiker Björn Höcke steht. Man spinnt hier die alte antisemitische Verschwörungslegende weiter, nach der Juden schuld seien an einem "Austausch von Bevölkerung".

Aufgrund des Holocausts nimmt man Umwegkommunikationen. Auch Äußerungen wie, dass der Nationalsozialismus nur ein "Vogelschiss" gewesen sei, wie der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland sagte, oder das "Denkmal der Schande", wieder Höcke, sind nur aktualisierte Formen des Antisemitismus. Diese Chiffren sind strukturell identisch mit alten antisemitischen Beleidigungen, aber sie haben sich verbal dem Zeitgeist angepasst.

ZEIT ONLINE: Das heißt, wer den Holocaust verharmlost, der ist sich durchaus bewusst, dass er antisemitisch argumentiert, er versucht aber, auch diese Äußerung wieder zu verharmlosen?

Quent: Genau. Man arbeitet mit kalkulierten Ambivalenzen. Das Judentum übernimmt hier eine Funktion. Statt zu sagen, es gibt komplexe Zusammenhänge in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die Probleme schaffen, sagt man, hier gibt es eine böse Macht, die sorgt gesteuert für Schwierigkeiten, beispielsweise für Migration. Der Jude, die Jüdin als solche, als konkrete Figur, ist für diese Erzählung gar nicht mehr nötig. Bei diesem Phänomen spricht man vom Antisemitismus ohne Juden. Ähnliche Konstrukte fanden sich auch bei den Nationalsozialisten.

ZEIT ONLINE: Und doch gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Form des abstrakten Antisemitismus und den konkreten Opfern?

Im Hip-Hop hat Antisemitismus eine entlastende Funktion

Quent: Ja. Bei dem Attentäter von Halle kommen abstrakte und konkrete Ebene zusammen. Er schrieb vor seinem Terrorakt in seinem Manifest, jeder weiße Mann müsse einen Juden umbringen, dann würden "wir" gewinnen.

ZEIT ONLINE: Welche weiteren Formen von Antisemitismus gibt es?

Quent: Den christlichen und den muslimischen, den völkischen Vernichtungsantisemitismus, den sekundären, also den Schuldabwehr-Antisemitismus und immer stärker auch israelbezogenen Antisemitismus und natürlich auch solchen, der als kulturelles Gut ein Teil unserer Gesellschaft ist und sich zum Beispiel im Fußballmilieu, in Alltagskommunikation oder auch im Hip-Hop wiederfindet, ohne dass es mit Gewalt einhergehen muss. Da muss man differenzieren in der Art, wie sich der Antisemitismus äußert.

ZEIT ONLINE: Was ist so populär am Antisemitismus, dass er es bis in den Hip-Hop geschafft hat?

Quent: Das hat eine entlastende Funktion. Es sagt: Du trägst für dein Leben, auch dein Scheitern, keine Verantwortung, da sind geheime, übermächtige, manipulative Kräfte am Werk.

ZEIT ONLINE: Wo liegt der Unterschied zur Islamfeindlichkeit?

Quent: Jüdinnen und Juden sind nach dieser Vorstellung die inneren Feinde, die das System steuern, die Musliminnen und Muslime werden als die schwächeren, äußeren Feinde konstruiert, die für eine Durchmischung der Völker sorgen und damit die Substanz des Volkes zerstören würden. Der Rassismus, der sich gegen Muslime richtet, ist, wenn man so will, nach unten gerichtet, der Antisemitismus ist die Angst vor einer behaupteten Übermacht von oben. Es gab, so sagt die Forschung, in jüngerer Zeit vor allem antimuslimische Terroranschläge, weil es eben für den einzelnen Täter konkreter und einfacher ist, nach unten zu treten. Trotzdem ist vom NSU über Breivik bis zur Gruppe Freital und Nordkreuz immer auch Antisemitismus im Spiel.

ZEIT ONLINE: Gibt es eine Chance, die Gefährder frühzeitig zu erkennen und zu kontrollieren?

Quent: Das ist sehr schwierig. Bei dem Fall in Halle wissen wir gar nicht, ob der Täter überhaupt in der Offlinewelt Kontakte in die rechtsextreme Szene hatte, oder ob das nur im Internet geschehen ist. Auch bei dem Anschlag 2016 in München und bei dem Attentat auf Moscheen in Christchurch hat sich gezeigt, dass es auf vielen Spielplattformen, bei Steam oder auch bei Twitch, die Verherrlichung des Nationalsozialismus oder Menschenverachtung weitverbreitet ist und da auch auf keinen Widerspruch trifft. Auch der Attentäter aus Halle hat sich offenbar in dieser internationalen Subkultur der Menschenverachtung radikalisiert. Betreiber solcher Plattformen müssen stärker in die Verantwortung genommen werden. Aber selbst das würde solche Gewaltattentate nicht unbedingt verhindern können.

ZEIT ONLINE: Der Täter in Christchurch hat sich auf Breivik bezogen, der Täter in Halle hat Elemente der Tat in Christchurch kopiert. Entwickelt sich hier ein neuer Tätertyp?   

Quent: Ja, es hat sich im internationalen Rechtsterrorismus ein neuer Typus entwickelt, der nun auch in Deutschland angekommen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch weitere Typen rechter Gewalttäter gibt: Aus dem alten Neonazimilieu und den Combat-18-Strukturen, wie im Fall von Walther Lübcke, "aus der Mitte der Gesellschaft" – sogar Rentnerinnen und Beamte und Angehörige von Sicherheitsbehörden, etwa der Bundeswehr, stehen derzeit unter Verdacht des Rechtsterrorismus.

ZEIT ONLINE: Gibt es beim Antisemitismus regionale Unterschiede?

Quent: Es gibt einige lokale Hochburgen mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber generell lässt sich das nicht regional verteilen. Auch zwischen Ost und West gibt es nicht grundsätzlich unterschiedliche Einstellungen. Entscheidend sind hier die sozialen und kulturellen Milieus.

ZEIT ONLINE: Der Umgang mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus war in der DDR ja durchaus anders als in der BRD. Hat das zu unterschiedlichen Traditionen geführt?

Quent: Nein. Sie waren zwar unterschiedlich, aber beide haben nicht dazu geführt, dass Deutschland in einem Teil des Landes gänzlich sich vom Antisemitismus befreit hätte.

ZEIT ONLINE: War die Tat von Halle eine Zäsur und wie wird es jetzt weiter gehen?

Quent: Einerseits ist die Gefahr groß, dass es zu weiteren Nachahmertaten kommt. Auf der anderen Seite gab es sehr viele, sehr wichtige Solidaritätsbekundungen für die jüdischen Gemeinden in Deutschland. Das ist ein gutes Zeichen. Wir werden sicherlich weiter darüber sprechen müssen, wie in Zukunft jüdische Einrichtungen besser geschützt werden können.

ZEIT ONLINE: Mehrere staatliche Stellen haben seit Kurzem Antisemitismusbeauftragte, geht das in die richtige Richtung?

Quent: Ja, aber momentan fehlt hier an vielen Stellen noch Geld, damit sie wirklich sinnvoll arbeiten können und beispielsweise bei dem, was im Netz geschieht, genau hinschauen können.

ZEIT ONLINE: Laut Studien geht der Antisemitismus im Netz zurück.

Quent: Es gab hier eine Verdrängung aus dem öffentlichen Raum in geschlossene Kanäle, in die man nicht so einfach rein kann. Außerdem haben viele, die Anzeigen gegen Hass im Netz gestellt haben, gemerkt, dass ihre Anzeigen folgenlos bleiben. Daraufhin haben sie vielleicht beim nächsten Mal keine Anzeige gestellt. So was verändert die Statistik. Ich plädiere da für Dunkelfeld-Befragungen zu antisemitischer Diskriminierung. Die sind methodisch meiner Meinung nach besser dafür geeignet, einen realistischen Blick auf die Situation zu werfen, als die Statistiken der Polizei. 

Halle - Augenzeuge beschreibt Angriff auf Synagoge in Halle Roman Yossel Remis befand sich während des Anschlags in Halle in der Synagoge. In einem Video beschreibt er die Minuten des Angriffs. © Foto: Getty Images / Facebook