Antisemitismus nimmt in Deutschland zu und ist dabei auch in den sogenannten besseren Kreisen hoffähig. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Jüdischen Weltkongresses (WJC), über die die Süddeutsche Zeitung berichtet. Demnach hegen 27 Prozent aller Deutschen und 18 Prozent einer als Elite kategorisierten Bevölkerungsgruppe antisemitische Gedanken. 41 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust.

Für die Studie hatte der WJC, ein Dachverband jüdischer Gemeinden und Organisationen aus mehr als 100 Ländern, zweieinhalb Monate vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle 1.300 Menschen befragen lassen. Der Anschlag ereignete sich Anfang Oktober, als der mutmaßliche Attentäter Stephan B. während der Feierlichkeiten zum jüdischen Feiertag Jom Kippur versucht hatte, bewaffnet in die Synagoge der Stadt an der Saale einzudringen. Nachdem ihm dies nicht gelang, erschoss er den Ermittlungen zufolge auf offener Straße zwei Menschen und verletzte zwei weitere schwer. Der 27-Jährige sitzt in Untersuchungshaft und gestand die Tat.

Aussagen aus dem Repertoire von Antisemiten

Dabei, so zeigt es die Umfrage, zeigt sich Antisemitismus nicht nur in einem solchen extremen Fall, sondern wird demnach von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung wahrgenommen und mit dem Erfolg rechtsextremer Parteien in Verbindung gebracht. 65 Prozent der Deutschen sowie 76 Prozent der Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro, der sogenannten Elite, erkennen einen Zusammenhang an.

Zugleich behaupten 28 Prozent von ihnen, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft, 26 Prozent attestieren ihnen "zu viel Macht in der Weltpolitik" – Aussagen, die zum klassischen Repertoire des Antisemitismus gehören. Fast die Hälfte von ihnen (48 Prozent) behauptet, Juden verhielten sich loyaler zu Israel als zu Deutschland.

Zugleich wächst laut der Studie die Bereitschaft, gegen Antisemitismus vorzugehen. Zwei Drittel dieser sogenannten Elite würden eine Petition dagegen unterzeichnen, ein Drittel aller Befragten würde gegen Antisemitismus auf die Straße gehen. Etwa 60 Prozent räumen ein, dass Juden einem Gewaltrisiko oder hasserfüllten Verbalangriffen ausgesetzt seien. Gleichwohl zeigten sich nur 44 Prozent besorgt über Gewalt gegen Juden oder jüdische Einrichtungen. Jeder vierte Befragte hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann".

"Antisemitismus frontal bekämpfen"

Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, kommentierte die Studie mit drastischen Worten. Antisemitismus habe in Deutschland einen Krisenpunkt erreicht, sagte er laut Süddeutscher Zeitung. "Es ist an der Zeit, dass die gesamte deutsche Gesellschaft Position bezieht und Antisemitismus frontal bekämpft." Deutschland habe eine einmalige Verpflichtung, die Rückkehr von Intoleranz und Hass zu verhindern. Wenn sich mehr als ein Viertel der Gesellschaft mit Antisemitismus identifizierte, sei es Zeit für die restlichen drei Viertel, Demokratie und tolerante Gesellschaften zu verteidigen.

Zuletzt hatten die Innenminister von Bund und Länder ein Zehnpunktepapier verabschiedet. Es sieht etwa einen besseren Schutz jüdischer Einrichtungen, Verschärfungen beim Waffenrecht und mehr Prävention vor. Zudem hatte die Bundesregierung eigene Maßnahmen auf den Weg gebracht. Das Kabinett beschloss dafür ein Konzept zum Kampf gegen Rechtsextremismus.