Auch nach der Verhängung des Ausnahmezustandes und einer Ausgangssperre ist es in der chilenischen Hauptstadt Santiago de Chile wieder zu schweren Ausschreitungen gekommen. In der Nacht zum Sonntag gab es dabei drei Tote: Sie starben nach Behördenangaben in einem brennenden Supermarkt in der Hauptstadt, der geplündert wurde. Zwei Menschen waren sofort tot, ein drittes Opfer erlag im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, wie Bürgermeisterin Karla Rubilar vor Journalisten sagte.

Die Proteste in Chile wurden durch eine Erhöhung der Ticketpreise für den öffentlichen Nahverkehr ausgelöst. Sie stiegen von 800 auf 830 Pesos (rund 1,04 Euro), zuvor waren die Preise im Januar schon erhöht worden. Der konservative Präsident Sebastián Piñera sagte, es gebe "gute Gründe" für die Proteste und nahm die Fahrpreiserhöhung für die U-Bahn zurück. Zuvor hatte er den Ausnahmezustand verhängt, das Militär setzte eine Ausgangssperre für die gesamte Stadt durch. Die Regierung mobilisierte 9.500 Sicherheitskräfte.

Die zunächst friedlichen Demonstrationen waren von Schülern und Studentinnen ausgegangen. Sie überwanden die Zugangsschranken in U-Bahnhöfen und fuhren ohne zu bezahlen. Tausende Chilenen zogen durch Santiago und andere Städte – nicht nur wegen der Ticketpreise, sondern auch, um ihrem Ärger über wirtschaftliche und soziale Probleme und die große Kluft zwischen Arm und Reich auszudrücken. Sie forderten weitreichende Reformen im Land, weil Gesundheits- und Lebenshaltungskosten stark gestiegen sind. Die Demonstrationen fanden unter dem Hashtag ChileDesperto (Chile erwacht) Zulauf.

Brände in der U-Bahn, in Bussen und bei einer Zeitung

Später kam es zu Zusammenstößen unter anderem vor dem Präsidentenpalast in Santiago. Demonstranten haben zudem bereits am Freitag zahlreiche U-Bahn-Stationen in der Sieben-Millionen-Einwohner-Metropole verwüstet. Sie demolierten mit Eisenstangen die Eingangssperren von U-Bahnhöfen und legten dort Feuer. Am Samstag zündeten sie auch Busse an. Der U-Bahn- und Busverkehr wurde eingestellt.

In verschiedenen Stadtteilen von Santiago errichteten Demonstranten am Samstag Barrikaden, es gab Zusammenstöße mit der Polizei. Diese setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. In der Nacht drangen nach Angaben der Feuerwehr zudem Hunderte Menschen in den Supermarkt Líder im Süden Santiagos ein, der zur US-Kette Walmart gehört. Bei dem Brand in dem Supermarkt kamen die drei Menschen ums Leben.

In der Hafenstadt Valparaíso setzten Demonstranten den Sitz der Tageszeitung El Mercurio in Brand. Der Ausnahmezustand wurde auf die Region von Valparaíso und auf die Provinz Concepción im Süden ausgedehnt.

Militär soll binnen zwei Wochen für Sicherheit sorgen

Präsident Piñera erteilte General Javier Iturriaga del Campo den Auftrag, binnen zwei Wochen wieder für Sicherheit in Santiago zu sorgen. Die nächtliche Ausgangssperre wurde für den Zeitraum von 22 bis 7 Uhr Ortszeit (3 bis 12 Uhr MESZ) verhängt. Allerdings war zunächst nicht klar, an wie vielen Tagen sie gelten soll. Piñera will am Sonntag mit einem Krisenkabinett über das weitere Vorgehen beraten.

Es waren die schwersten Krawalle seit Jahren in Chile, das als eines der stabilsten Länder Lateinamerikas gilt. Chile hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Lateinamerika. Das Wirtschaftswachstum wird in diesem Jahr auf 2,5 Prozent geschätzt, die Inflation liegt bei lediglich zwei Prozent. Angesichts steigender Gesundheits- und Lebenshaltungskosten, niedriger Renten und sozialer Ungleichheit ist die Frustration aber groß.