Der Mann vor der Tür mit der Zigarette in der Hand fragt nicht weiter, verlangt keinen Ausweis, keine Anmeldung. Hans Modrow? Ja, das ist fünfter Stock – der Pförtner der Linke-Bundeszentrale nennt die Zimmernummer, weist im Foyer nach links zur Aufzugstür. Oben öffnet sich der Lift in einen schmalen Flur mit grüngesprenkeltem Linoleum, man drückt die Klinke einer grüngerahmten Tür und steht dem letzten Regierungschef der kommunistischen DDR gegenüber. 

Hans Modrow, 91, ist einer der einstigen DDR-Regimediener, die ihren Platz in der bundesrepublikanischen Demokratie gefunden haben. Als letzter Vorsitzender des Ministerrats der DDR residierte er 1989 im Alten Stadthaus neben dem Berliner Alexanderplatz, einem wilhelminischen Zweckbau mit Säulenportal und Turm. Heute hat der Ehrenvorsitzende der Linkspartei ein rauhfasertapeziertes 25-Quadratmeter-Büro mit Schrankregal, Garderobenständer, Schreib- und Besprechungstisch. An der Wand hängt parteieigene DDR-Kunst: ein Blumenstillleben und das Porträt eines Mädchens, das der jungen Rosa Luxemburg ähnelt. Modrow bietet den Platz an der Fensterseite des Tisches an, direkt neben dem Heizkörper, das heutzutage übliche Kaffee-oder-Wasser-Ritual entfällt.  

Schnell landet das Gespräch in den Fünfzigerjahren, als Modrow, 29-jährig, sein politisches Berufsleben in der DDR-Volkskammer begann. Die DDR war ein planwirtschaftlich organisierter Staat, in dem die Arbeiter die "herrschende Klasse" bildeten und das Individuum wenig galt. Gemessen am Bundestag war die Volkskammer ein Scheinparlament, das Demokratie simulierte statt praktizierte. Dessen fast 500 Abgeordnete in einem zweifelhaften Wahlverfahren aus neun Parteien und Massenorganisationen so bestimmt wurden, dass ihre größtenteils aus der Arbeiterschicht stammenden Rednerinnen und Redner den Kurs der herrschenden SED nie infrage stellten. Dessen Mitglieder Gesetze nach dem Ablesen nahezu inhaltsleerer Manuskripte mit frappierender Einstimmigkeit beschlossen – lediglich beim Gesetz über den Schwangerschaftsabbruch 1972 gab es Gegenstimmen aus der CDU – und selbst die waren vorab genehmigt, wie ein DDR-Kenner erzählt. 

Im Gegensatz zum Bundestag, dessen Protokolle man bei ZEIT ONLINE durchsuchen kann, ist die Volkskammer kaum erforscht, in den wenigen fundierten Büchern erörtern Zeitzeugen und Wissenschaftler zwar ihre Bedeutung, erläutern Forscher das Wahlsystem oder beleuchten das Jahr 1990, in dem sich die Volkskammer schließlich selbst abwickeln musste. Mitschriften aus dem Plenarsaal sind aber nur im Lesesaal des Bundesarchivs in Berlin auf Papier oder Mikrofilm einsehbar – lediglich die arbeitsreiche letzte, wenige Monate währende Wahlperiode von 1990 ist in Faksimiles digitalisiert. So sind auch Ton und Sprache der Volkskammer schwer zu analysieren. 

Wer schrieb die inhaltsleeren und von Phrasen geprägten und vom Streben nach Gleichklang bestimmten Reden, die zumeist darauf abzielten, kritikwürdige Zustände zu verschleiern und sich vom Klassenfeind auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs abzugrenzen? "Die Sprache war durch Karl Marx geprägt", sagt Modrow. Marx, der Das Kapital schrieb, heute Unesco-Welterbe, wie Modrow betont, zudem Grundlage jeder sozialistischen Kaderschulung. Die meisten Manuskripte arbeiteten die Funktionäre SED-gelenkter staatlicher Ämter und Organisationen zu, nur die oberste Führungsriege hatte eigene Redenschreiber. "Die meisten übernahmen den Tonfall der Entwürfe ohne Änderungen", erzählt Modrow, der als Funktionär im SED-Zentralkomitee Einblick in deren Genese hatte. Das Bedürfnis der Redner, eigene Gedanken zu entwickeln, war also wenig ausgeprägt.  

Die Leipziger Sprachwissenschaftlerin Ruth Geier unterscheidet in der Existenz der Volkskammer zwei Phasen: die Sprache der von intensiver Gesetzgebung und antifaschistischem Gestus geprägten Nachkriegsjahre, in denen es noch kontroverse Diskussionen gab und das Plenum im Schnitt monatlich tagte, weil es viel zu tun gab. Dann folgten die von Selbstbestätigung und -beweihräucherung geprägten Volkskammersitzungen der Siebziger- und Achtzigerjahre, die Zeit des "Aufbaus des Sozialismus". Gegen Ende der DDR tagte die Volkskammer nur noch zweimal jährlich: im Sommer zu einem beliebigen Thema und im Dezember, um den Volkswirtschaftsplan zu beschließen und "um Rechenschaft abzulegen", wie Modrow sagt. "Da konnte keine lebendige Sprache entstehen." Das Parlament hatte nur noch rituelle Funktion. 

Auch aus Sicht des Dresdner DDR-Forschers Roland Schirmer hat sich die Volkskammer im Laufe der Zeit gewandelt: Die Dynamik der Ära des Mauer-Erbauers Walter Ulbricht erstarb, als Erich Honecker 1971 dessen Nachfolger als Generalsekretär und damit Chef der herrschenden SED wurde. Deren Parteitagsbeschlüsse reichten Honecker zum Regieren, sie waren Richtschnur für die Gesetzgebung der Volkskammer. "Ulbricht meinte, dass Austausch und Debatte dem Land nützen, sofern das in kontrollierten Bahnen stattfindet", sagt Schirmer, der 16 Jahre an der Technischen Universität Dresden die DDR erforschte. "Honecker aber hat den Einfluss der Volkskammer schnell reduziert, er entschied wichtige staatspolitische Dinge im persönlichen Gespräch, etwa mit Erich Mielke" – das war der Chef der Stasi. 

Die bekannten Endlossätze

Ulbricht hatte noch den Reichstag der Weimarer Republik erlebt. Er wollte das, was er in der nun umzäunten DDR Demokratie nannte, lebendiger machen. Landesweit ließ er in den Sechzigerjahren Arbeiterräte gründen – das Pendant zu den Gewerkschaften der BRD, wie Modrow erzählt. "Ulbricht wollte einen anderen Stil, es gab in den Sitzungen plötzlich auch Zwischenrufe", erinnert er sich an seine ersten Jahre als Abgeordneter. Er erzählt von einer Rede, in der er als damaliger Berliner Chef der DDR-Jugendorganisation Geld für ein Jugendzentrum im Stadtteil Grünau forderte. Der Volkskammerpräsident habe mit einer spontan formulierten Abfuhr reagiert – ganz ohne Manuskript. "Nach Ulbricht hat die Volkskammer aufgehört, ein arbeitendes Organ zu sein", sagt auch Modrow. "Honecker konnte mit der Volkskammer nichts anfangen."