Das Ziel ist die Rettung der Welt. Kann es einen besseren Grund für zivilen Ungehorsam geben? Auf den ersten Blick ist es naheliegend, den Aktionen von Extinction Rebellion (XR) zu applaudieren. Was sind schon ein paar Blockaden, wenn es um die existenzielle Bedrohung durch die Klimakrise geht?

Doch so eindeutig ist die Lage nicht. Um das richtige Maß beim Klimaschutz wird gestritten, weil es um eine fundamentale Transformation geht. Wie wir leben, wirtschaften und uns fortbewegen, wird und muss sich in den kommenden Jahrzehnten stark verändern. Klar ist aber auch: Das braucht Zeit und birgt Risiken.

Natürlich gibt es Beharrungskräfte in allen gesellschaftlichen Bereichen. Der Schlüssel zu einem schnellen Wandel besteht nun aber nicht darin, diese Kräfte mit der Brechstange zu überwinden. Wenn Extinction Rebellion mit Straßenblockaden den Verkehr lahmlegt oder mit Drohnen den Flugverkehr behindert, hilft das der Sache nicht. Diese Form von Aktivismus schadet eher, weil in erster Linie die getroffen werden, die als Kollektiv die größte Macht haben: die Bürgerinnen und Bürger. Mit ihren vielen kleinen, oft pragmatischen Lebens- und Konsumentscheidungen sind sie ein entscheidender Faktor im Kampf gegen den Klimawandel. Sie gilt es zu überzeugen, nicht zu vergrätzen.

Nun wird es aber wohl kaum zu einer Verhaltensänderung führen, wenn der Pendler mit seinem Diesel aufgrund einer Straßenblockade von Klimaaktivisten den Potsdamer Platz in Berlin nicht befahren kann. Und wenn Passagiere am Flughafen London Heathrow oder Berlin-Tegel nicht abfliegen können, werden sie deshalb nicht künftig die Bahn nehmen. Im Gegenteil: Das Risiko besteht, dass sie sich ärgern. Und dass die Klimadebatte noch weiter polarisiert wird.

Natürlich erzeugt Extinction Rebellion durch die Blockaden Aufmerksamkeit für das Thema. Allerdings liefern die Aktivisten auch denjenigen Material, die den Diskurs vergiften wollen: den Rechten und den Klimawandelleugnern, die den Kampf gegen die Klimakrise als bloßes links-grünes Ideologieprojekt abtun und die eindeutige Forschung dazu einfach ignorieren. Sie können die Aktionen von XR für ihre Agenda nutzen: "Seht her! Der Klimaschutz ist nicht für euch! Er ist gegen euch!"

Gefährliche Demokratiefeindlichkeit

Erschwerend kommt hinzu, dass der theoretische Überbau von Extinction Rebellion demokratiefeindlich ist. Der Klimawandel sei größer als die Demokratie, sagt der Mitbegründer der Bewegung, Roger Hallam. Und spricht von einer Revolution, dem Ziel einer politischen Krise. Diese Verachtung des politischen Systems ist gefährlich. Sie impliziert, dass man die Institutionen überwinden darf, wenn man sich auf der Seite einer größeren Sache und damit im Recht wähnt. Solche Gedankenspiele kennt man auch vom rechten Rand.

Einen solch totalitären Zugang zur Klimawende kann niemand wollen. Wie sähe wohl eine Gesellschaft aus, die wie von XR gefordert schon bis 2025 auf Biegen und Brechen CO₂-neutral geworden ist? Vermutlich entstünde auf dem Weg dorthin eine gesellschaftliche Ordnung, die schlechter als die jetzige ist.

Extinction Rebellion verfolgt also das richtige Ziel mit den falschen Mitteln. Statt einer Konfrontation mit dem Kollektiv braucht es ein positives, einendes Narrativ. Fridays for Future ist es gelungen, den Klimaschutz mit aller Dramatik, aber ohne zweifelhafte Methoden im politischen Diskurs zu etablieren. Und auch wenn es unzulänglich ist: Das Klimapaket der Bundesregierung ist ein Beleg dafür, dass Veränderung mit demokratischen Mitteln möglich ist. Nun gilt es, weiter Druck zu machen und Wege aufzuzeigen, wie möglichst viele Menschen von einer schnellen Klimawende profitieren können.