Nein, schönreden muss man die Situation nicht. Die registrierten Gewalttaten im Görlitzer Park, Berlins derzeit wohl berüchtigtster Grünfläche, waren bis zum Sommer bereits doppelt so hoch wie im Vorjahr. Meist werde die Polizei wegen Revierstreitigkeiten der Dealer gerufen, sagte die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann. Und während einige Kreuzberger Anwohnerinnen sagen, sie fühlen sich in ihrem "Görli" weiterhin wohl, klagen andere, sie trauten sich nicht mehr durch das Spalier der Drogenverkäufer zu gehen, haben Angst vor deren aggressivem Auftreten. Ähnlich sieht es aus am Kottbusser Tor und an der Warschauer Brücke, der Partymeile im angrenzenden Stadtteil Friedrichshain. Und dann war da noch die Heroinspritze auf einem Spielplatz, in die eine Vierjährige getreten war.

Polizei und Bezirk bekämen die Lage nicht in den Griff, wird ihnen vorgeworfen. Das ist absolut richtig.

Nur: Wie sollen sie auch?

Eine wahnsinnige Scheinheiligkeit hat sich breitgemacht in der Debatte um diese Brennpunkte, "kriminalitätsbelastete Orte", wie sie im Berliner Polizeigesetz genannt werden. Sie sorgt dafür, dass alle ihre Wut ausleben können: Anwohner, Oppositionspolitiker, sogar Münchner Pegidisten, die dort zu fünft gegen die angebliche "Kapitulation des Rechtsstaats" demonstrierten.

Scheinheilig ist ihre Kritik, weil sie wissen: Nichts von dem, was in den vergangenen Jahren ausprobiert wurde, hat etwas verbessert, und auch keiner der aktuellen Vorschläge wird das tun: Weder die Nulltoleranzpolitik des damaligen CDU-Innensenators Henkel, noch ein Laissez-faire-Ansatz mit einem Parkrat, in dem auch die Interessen der Dealer vertreten sind. Der aktuelle SPD-Innensenator Andreas Geisel hat gerade angekündigt, nun mit mehr Druck die Identitäten der Dealer feststellen zu wollen, um sie abschieben zu können. Auch ihm selbst muss klar sein, dass das nicht mehr als ein halbherziger Versuch ist, zumindest etwas Handlungsfähigkeit zu zeigen – denn am nächsten Tag werden anstelle der Abgeschobenen drei neue Dealer im Park stehen.

Dass es im Streit um sogenannte gefährliche Orte keineswegs immer nur um Straftaten geht, sondern auch darum, welches Verhalten im öffentlichen Raum legitim ist, beschreiben die Soziologen Peter Ullrich und Marco Tullney. Konflikte gebe es schon dann, "wenn unterschiedliche Vorstellungen über (un)erwünschtes und (un)zweckmäßiges Verhalten aufeinander treffen". Demnach zielten striktere Kontrollen insbesondere auf Treffpunkte von Jugendlichen, Subkulturen oder Marginalisierten ab. "Oft ähneln sich die Problemdiagnosen. Als Gefahr beschrieben wird ein Gemisch aus tatsächlichem Deliktaufkommen und der Existenz Jugendlicher bzw. marginalisierter oder exkludierter Gruppen und als unschicklich empfundener Verhaltensweisen[...]."

Dass sich der Konflikt um den Görlitzer Park so zuspitzt, hat mehrere Gründe, einer davon ist sicher auch, dass sie sich Nachbarschaft verändert hat, und damit auch die Vorstellungen über erwünschtes Verhalten. Die Mieten steigen, in dem ehemaligen Arbeiterkiez werden Eigentumswohnungen mittlerweile für 5.000 Euro den Quadratmeter verkauft. Menschen aus anderen Stadtteilen, Städten, Ländern, ziehen dorthin und nicht alle von ihnen wollen damit leben, eine Drogenszene direkt vor der Tür zu haben. Außerdem steigt die Nachfrage nach Drogen weltweit, in Berlin dürfte das durch die wachsende Bevölkerung und höhere Touristenzahlen noch verstärkt werden. Auch die Zahl der Dealer hat spürbar zugenommen, viele von ihnen sind Asylbewerber aus westafrikanischen Ländern, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen.

Nicht alles, was unangenehm ist, ist kriminell

Aber nicht alles, was von den Besuchern des Parks als unangenehm empfunden wird, ist auch kriminell. Etwa, dass Männergruppen im Park rumsitzen und laute Musik hören, sich streiten. Oder die Obdachlosen, die manchmal unter einem Vordach eines leerstehenden Hauses im Park schlafen. Dass es mindestens so sehr um das Sicherheitsgefühl wie um die objektive Sicherheit geht, weiß auch die Berliner Polizei. Sie beschäftigt eine Architektin, die für die städtebauliche Kriminalprävention zuständig ist, also dafür, öffentliche Räume so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Gelegenheiten für Straftaten bieten.

Doch auch wenn im Görlitzer Park die Büsche heruntergeschnitten und die Beleuchtung verbessert wird: Solange Großstadtbewohner und Touristen illegale Drogen kaufen wollen (oder wegen einer Suchterkrankung müssen), wird es Dealer geben. Dass die Polizei den Drogenhandel und die damit einhergehende Kriminalität abschaffen soll, ist gelinde gesagt: etwas viel verlangt.