Jeremy Borovitz ist in Paramus, New Jersey, aufgewachsen. Vor wenigen Monaten ist er mit seiner Familie nach Berlin gezogen, um Base Berlin aufzubauen. Die Initiative möchte neue spirituelle und kulturelle Angebote für das jüdische Leben in Deutschland machen.

ZEIT ONLINE: Herr Borovitz, Sie waren während des Terroranschlags in der Synagoge in Halle. Sie und die anderen Gläubigen im Gotteshaus haben knapp überlebt – nur weil die Holztür standgehalten hat. Wie geht es Ihnen heute? 

Jeremy Borovitz: In meinem Kopf spielt sich der gestrige Tag wie ein Film ab. Immer und immer wieder. Wir haben gebetet und plötzlich haben wir Schüsse gehört: Boom, Boom, Boom. Die Gemeindemitglieder aus Halle haben dann schnell gehandelt, uns in einen geschützten Raum gelotst, die Türen verbarrikadiert. Wir hatten alle so Angst. Es ging so schnell. Es ist ein Wunder, dass wir noch leben. Es war an sich ein Zufall, dass wir überhaupt in Halle gelandet sind.

ZEIT ONLINE: Zufall?

Borovitz: Wir wollten ursprünglich mit unserer Gruppe nach Österreich fahren, um dort Jom Kippur zu feiern. Wir sind 20 Juden und wollten mal raus aus Berlin, raus aus der Großstadt. Aber einige von uns haben kleine Kinder und Österreich ist weit. Jemand aus unserer Gruppe sagte dann, dass Halle nur eine kurze Fahrt von Berlin entfernt ist und wir den Feiertag dort verbringen könnten. Also haben wir die Synagogengemeinde in Halle angefragt und sie waren so dermaßen nett und gastfreundlich. Sie haben uns mit offenen Armen aufgenommen. Es sollte einfach nur ein schöner Tag werden.

ZEIT ONLINE: Ein Video zeigt Sie und die anderen Gläubigen nach der Evakuierung aus der Synagoge in einem Bus. Sie singen und beten, wirken trotz des Terrors zuversichtlich.

Borovitz: Uns blieb und bleibt auch nichts anderes übrig. Wir saßen zuvor stundenlang in der Synagoge fest und wir haben uns entschieden, dass wir unsere Gebete fortführen müssen. Später im Krankenhaus haben wir abends den Gottesdienst fortgeführt. Jom Kippur dreht sich auch um unsere Existenz als Menschen zwischen Leben und Tod. Wir hätten sterben sollen und es ist ein echtes Wunder, dass ich hier noch sitze und mit Ihnen rede. Außerdem wollten wir für die beiden unschuldigen Menschen beten, die aus purem Hass ermordet wurden.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie über den Täter? 

Borovitz: Ich möchte nicht seinen Namen wissen, ich werde mir niemals sein Manifest durchlesen, keine Sekunde von seinem Video anschauen. Ich möchte mich nicht mit ihm, nicht mit seinem Antisemitismus, nicht mit seinem Hass auseinandersetzen. Ich möchte mich auf das jüdische Leben hier in Deutschland konzentrieren. Nicht darauf, dass wir ständig in Gefahr sind. Auch wenn es wahr ist, dass wir in Gefahr sind und dass wir Angst haben. Ich bin etwas durcheinander und muss mir allgemein noch Gedanken machen. Es ist ja erst etwas mehr als 24 Stunden her, dass er uns töten wollte – nur weil wir Juden sind.

ZEIT ONLINE: Mehrere deutsche Politiker haben nach dem Terroranschlag gesagt, dass sie sich diese Art von Gewalt in Deutschland nicht hätten vorstellen können und dass der Anschlag von Halle eine Attacke gegen "uns alle" war. Was sagen Sie dazu?

Borovitz: Ich möchte nicht verallgemeinern. Deswegen zunächst: Ja, es gab engagierte Stimmen nach dem Anschlag, engagierte Polizisten, engagierte Politiker. Ich muss aber mit aller Deutlichkeit sagen: Nein, es war kein Anschlag auf "uns alle". Es war ein Anschlag auf uns Juden. Es war ein Anschlag auf Muslime. Es war ein Anschlag aus purem Hass gegen Minderheiten. Er wollte uns töten, nur weil wir Juden sind. Es ist wichtig, dass dies einigen Menschen in Deutschland endlich klar wird.