Antisemitismus ist in Deutschland weit verbreitet. Einer Umfrage im Auftrag des Jüdischen Weltkongresses (WJC) zufolge hegen 27 Prozent aller Deutschen antisemitische Gedanken. Für die Studie hatte der WJC, ein Dachverband jüdischer Gemeinden und Organisationen aus mehr als 100 Ländern, zweieinhalb Monate vor dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an der Saale, 1.300 Menschen befragen lassen.

Trotz verbreiteter antisemitischer Denkweisen zeigten sich in der Umfrage des WJC 44 Prozent der Befragten besorgt über Gewalt gegen Juden oder jüdische Einrichtungen. Jeder oder jede Vierte hält es für möglich, dass sich "so etwas wie der Holocaust in Deutschland heute wiederholen kann". Die Antisemitismusforscherin Sina Arnold kritisiert: In Teilen der Gesellschaft habe es nach dem zweiten Weltkrieg nie eine Anerkennung der deutschen Schuld für den Holocaust gegeben.

ZEIT ONLINE: Frau Arnold, einer Umfrage des Jüdischen Weltkongresses zufolge denkt mehr als jeder oder jede Vierte in Deutschland antisemitisch. 41 Prozent der Deutschen sind etwa der Meinung, Jüdinnen und Juden redeten zu viel über den Holocaust. Überraschen Sie diese Zahlen?

Sina Arnold: Nein, das deckt sich mit Studien der vergangenen Jahre. Wir haben es hier nicht mit neuen Entwicklungen zu tun. Antisemitismus gibt es in Deutschland seit 1945 kontinuierlich. Aussagen wie "Juden reden zu viel über den Holocaust" etwa waren schon immer weit verbreitet. Das Verlockende an der antisemitischen Weltsicht ist, dass sie eine einfache Erklärung bietet, wenn etwas gesamtgesellschaftlich schiefläuft oder für die eigene Misere. Dahinter steht die Vorstellung, dass Juden hinter den Kulissen agieren, angeblich zu viel Macht haben – sei es in den Medien, in der Wirtschaft und der Politik, oder auch dass sie verantwortlich sind für die meisten Kriege in der Welt. Diese Vorstellung ist gerade in krisenhaften Zeiten wie diesen für manch einen leider extrem attraktiv.

ZEIT ONLINE: Aber warum machen viele Deutsche ausgerechnet Jüdinnen und Juden zu Schuldigen? Das jüdische Leben findet doch gerade in Deutschland oft sehr versteckt statt, die meisten haben in ihrer Realität vielleicht gar keinen Kontakt zu Juden, oder?

Arnold: Jede Form von Rassismus, auch von Antisemitismus, hat wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Es macht keinen Sinn, zu schauen, wie viele Jüdinnen und Juden tatsächlich in der Politik, Wirtschaft und in den Medien aktiv sind. Antisemiten rufen diese Bilder unabhängig von der gesellschaftlichen Realität auf. Ein Grund dafür ist auch, dass es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Teilen der Gesellschaft nie eine Anerkennung der deutschen Schuld gab. Lange Zeit herrschte vielerorts sogar die Vorstellung, die Jüdinnen und Juden stünden der Entstehung eines vermeintlich gesunden Nationalstolzes im Weg. Gleichzeitig denken immer noch manche, die Juden nervten irgendwie mit ihrem ständigen Gerede über den Holocaust. Man werde in der Schule mit dem Thema bombardiert – und das, obwohl Studien zeigen, wie wenig deutsche Schülerinnen und Schüler über den Holocaust wissen.

ZEIT ONLINE: Bemerkenswert ist, dass der Studie zufolge 18 Prozent der Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens 100.000 Euro antisemitische Gedanken teilen. 28 Prozent dieser sogenannten Elite behauptet, Juden hätten zu viel Macht in der Wirtschaft, 26 Prozent attestieren ihnen "zu viel Macht in der Weltpolitik".  Sollten es nicht gerade Menschen mit einem hohen Bildungsabschluss besser wissen?

Arnold: Bildung immunisiert leider nicht gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Auch Personen aus der Elite versuchen ja, sich die Welt zu erklären. Auch bei ihnen sitzt ein Teil dieser Stereotype sehr tief. Natürlich haben die meisten inzwischen das Wissen, das Verschwörungstheorien entkräften müsste. Andererseits ist die Vorstellung, dass Juden Christus ermordet haben, Tausende Jahre alt. Manche Glaubensweisen sind kulturell tief verankert.