Im vergangenen Jahr sorgte in den USA eine Studie der Forschungsorganisation More in Common für Aufsehen. Hidden Tribes (Verborgene Stämme) heißt sie und ihre zentrale These erschütterte viele Gewissheiten der Ära Trump. Etwa zwei Drittel der US-Bevölkerung, so die Forscher, gehörten einer "ermüdeten Mitte" an, der die Polarisierung der US-Politik zutiefst zuwider sei und die mehr Kompromisse wolle. "Ein schlauer Politiker", schrieb der Journalist George Packer im New Yorker, "könnte mit diesen Erkenntnissen eine Mehrheit schaffen". Heute erscheint auch in Deutschland eine Studie von More in Common. Sie heißt Die andere deutsche Teilung und unterteilt die Gesellschaft in sechs unterschiedliche Typen. Wir haben die Geschäftsführerin Laura-Kristine Krause gebeten, uns die zentralen Erkenntnisse zu erläutern. Wo? In einem Ikea-Restaurant, schlägt sie vor. Weil das, so schreibt sie, einer der wenigen deutschen Orte sei, an dem alle möglichen Menschen der Gesellschaft zu sehen seien.

ZEIT ONLINE: Frau Krause, ihre Organisation More in Common hat in ihrer Studie Die andere deutsche Teilung sechs etwa gleich große Segmente von Menschen in Deutschland definiert. Fängt man da irgendwann an, auch Menschen in der U-Bahn in diese sechs Kategorien einzuordnen?

Laura-Kristine Krause: Das Projekt hat auf jeden Fall meinen Blick auf Gesellschaft verändert. Ich habe ja die Gruppendiskussionen beobachtet, die wir neben der repräsentativen Umfrage für diese Studie durchgeführt haben. Die Menschen, die ich da gesehen habe, entsprachen natürlich nie exakt unseren Typen. Aber es haben sich schon Argumentationsmuster herauskristallisiert.

ZEIT ONLINE: Welche denn so?

Krause: Nehmen wir zum Beispiel die, die wir als "die Etablierten" bezeichnen. Sie sind recht zufrieden, aber älter und konservativer als der Durchschnitt. Sie haben durchaus strengere Ansichten über Regeln, sie sind eher keine Anything-goes-Typen. Aber sie sind interessanterweise gleichzeitig relativ immun gegen die AfD.

Dreigeteilte Gesellschaft

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ZEIT ONLINE: Heißt es nicht immer, gerade ältere Etablierte – manche sagen: alte weiße Männer – seien anfällig für die AfD?

Krause: Nein, Sie meinen eher die, die wir "die Wütenden" nennen. Die Etablierten sind eher Stabilisatoren der Gesellschaft. Sie haben ein breites Wertefundament, für sie sind Fairness und soziale Fürsorge wichtig, aber genauso die Einhaltung von Regeln. Anders als die sogenannten Offenen, die etwa beim Thema Flüchtlinge sagen würden: Ich helfe einem Menschen, egal, wie der ins Land gekommen ist.

ZEIT ONLINE: Aber verhärtet so ein segmentäres Denken nicht auch Vorurteile?

Krause: Im Gegenteil. Es geht uns darum, einmal andere Dinge in den Fokus zu nehmen: Welche Werte prägen den Blick der Menschen auf Gesellschaft? Was ist ihnen wichtig? Wie erleben sie Gesellschaft? Das eröffnet einen ganz anderen Blick. Unsere sechs gesellschaftlichen Typen umfassen allesamt jeweils zwischen 14 und 19 Prozent. Das macht mich erst einmal bescheidener, weil ich anerkennen muss, dass die Menschen, die exakt so auf Gesellschaft blicken wie ich, nicht in der Mehrheit sind. Wenn wir vorankommen wollen, müssen wir uns mit Menschen verständigen, deren Wertekonstrukt etwas anders ist als unser eigenes. Im Verlauf des Projekts wurde ich da oft überrascht, sowohl bei der Datenanalyse als auch bei den Diskussionen in den Fokusgruppen.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen? Sitzen Sie, die Wissenschaftler, da hinter einer Scheibe, wie im Tatort?

Krause: Genau. Die Befragten wissen, dass Menschen hinter der Scheibe sitzen und sie diskutieren mit einem Moderator. Das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, aber das legt sich, weil es so viel zu verstehen gibt. Im Zusammenhang mit dem Rechtsruck wird zum Beispiel immer noch zu oft über die angeblichen Abgehängten gesprochen, obwohl längst klar ist, dass der durchschnittliche AfD-Wähler weder schlecht verdient noch schlecht gebildet ist. Oder man versucht, die Stärke der AfD mit dem Unterschied zwischen Ost und West oder Stadt und Land zu erklären, obwohl auch in Berlin 14,2 Prozent AfD gewählt haben. Wir versuchen, mit unserer Studie ein zusätzliches Deutungsmuster zu bieten.

ZEIT ONLINE: Beschreiben Sie es mal.

Krause: Wir haben für unsere Studie einen nichtklassischen Ansatz gewählt. Wir unterteilen die Befragten nicht nach Alter, Geschlecht oder Einkommen, weil diese Kategorien uns oft gar nicht mehr helfen, Gesellschaft zu verstehen. Stattdessen verschränken wir erstmals Instrumente aus der Sozialpsychologie und der Politikwissenschaft. Die Quintessenz daraus sind die sechs gesellschaftlichen Typen, die wir gefunden haben: Etablierte, Involvierte, Offene, Wütende, Enttäuschte und Pragmatiker.

ZEIT ONLINE: Aber ergibt es nicht Sinn, die Antworten auch nach Herkunft zu unterteilen? Wir haben je nach Zählweise 20 Prozent Ostdeutsche und 20 Prozent Deutsche mit Migrationshintergrund. Woher soll man wissen, welche Rolle Rassismus oder Unterrepräsentation für die spielen, wenn ihre Antworten immer in einer deutschen Gesamtheit untergehen?

Krause: Wir wissen all diese Dinge über unsere Befragten und wissen auch, welcher Typ eher migrantisch geprägt oder zum Beispiel besonders wohlhabend ist. Aber diese Kategorien helfen uns nicht unbedingt, zu verstehen, warum Menschen gewisse Auffassungen haben. Ich habe zum Beispiel auf dem Papier auch einen Migrationshintergrund, weil meine Mutter bei meiner Geburt Nichtdeutsche war. Und trotzdem ist das keine Kategorie, die für mich eine Rolle spielt, ich habe auch nie Rassismus erlebt. Meine Mutter hat immer hier gelebt. Es würde mir nie jemand absprechen, hier dazuzugehören. Es ist null Teil meiner Geschichte, außer dass ich mich irgendwann mal gegen einen anderen Pass entscheiden musste.