In deutschen Schweinemastbetrieben werden kranke Tiere mitunter auf unsachgemäße und grausame Art getötet. Dies legen Videos nahe, die der Tierrechtsvereinigung Animal Rights Watch (Ariwa) zugespielt wurden und über die nun das ARD-Politikmagazin Report Mainz und das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichten.

Die Aufnahmen wurden mit versteckten Kameras in einem Schweinemastbetrieb bei Schwerin sowie in einem Großbetrieb in der Nähe von Cottbus gemacht. Zusätzlich hat ein Team mit mobiler Kamera gedreht. Die Bilder aus dem ersten Betrieb zeigen, wie ein Mitarbeiter ein Schwein aus einer Bucht mit anderen kranken Tieren holt und dann mit einem Holzprügel mehrfach auf es einschlägt. Weil das Schwein danach immer noch lebt, holt der Mann ein Bolzenschussgerät. Das Tier winde sich daraufhin in einem minutenlangen Todeskampf, während der Mitarbeiter zusehe, berichtet Report Mainz.

"In Krankenbuchten wie dieser werden Tiere offenbar nur 'abgestellt' und sich selbst überlassen", sagte Ariwa-Sprecherin Sandra Franz Report Mainz. Auch nach Ansicht des von dem Politikmagazin befragten Amtsveterinärs Olav Henschel handelt es sich bei dem auf dem Video zu sehenden Vorgang "auf jeden Fall um einen Verstoß gegen geltendes Recht". Der Fall werde an die Staatsanwaltschaft weitergegeben.

Sogar eine Straftat

Normalerweise müsse nach einer Betäubung mit einem Bolzenschussgerät unverzüglich die Entblutung erfolgen, sagte Henschel dem Sender. Dies geschehe üblicherweise durch eine Öffnung der Halsschlagader. Ansonsten wache das Tier wieder aus der Betäubung auf und erleide grausame Schmerzen.

Nach Ansicht des Mannheimer Strafrechtler Professor Jens Bülte handelt es sich bei der unsachgemäßen Tötung sogar um eine Straftat. Es sei naheliegend, dass man hier nicht mehr über eine Geldstrafe spreche, sagte er Report Mainz.

Der Geschäftsführer des betroffenen Unternehmens sagte Report Mainz, der betreffende Mitarbeiter sei bereits nicht mehr in dem Unternehmen. Der Vorfall sei "nicht alltäglich", sagte er. Es werde innerhalb des Unternehmens nun über den Fall gesprochen.

Keine Ausnahmefälle

Die Aufnahmen aus dem zweiten Betrieb zeigen kranke Schweine, die zwar mit einem Bolzenschussgerät betäubt werden. Danach lässt sie der Mitarbeiter jedoch minutenlang liegen, bevor er sie entblutet. Bei dieser Firma handelt es sich um einen deutschen Großbetrieb aus der Nähe von Cottbus, die Spreefa GmbH. Sie ist die Tochter eines der größten deutschen Schweinemastproduzenten. Rund 20.000 Schweine werden hier gehalten. Das Unternehmen antwortete laut Report Mainz schriftlich auf die Vorhaltungen: "Mit Nottötungen beauftragte Mitarbeiter verfügen über einen entsprechenden Sachkundeausweis und werden vor Eintritt in die Unternehmenspraxis umfänglich in ihre Aufgaben eingewiesen. Das, was auf den Aufnahmen zu sehen ist, entspricht nicht den Sorgfaltskriterien und Vorgaben des Unternehmens. Dem auf den Bildern zu sehenden Mitarbeiter wurde deshalb gekündigt; der Betriebsleiter wurde abgemahnt."

Wissenschaftliche Studien zeigen allerdings, dass es sich bei den Aufnahmen nicht um Einzelfälle handelt. So wurden in einer Untersuchung der Tiermedizinischen Hochschule Hannover von 2017 getötete Tiere in Tierkörperbeseitigungsanlagen untersucht. Bei 61,8 Prozent der Schweine wurde eine mangelhafte Durchführung der Betäubung und/oder Tötung festgestellt.

Nach Informationen des Spiegels erreicht jedes fünfte in Deutschland für die Fleischindustrie geborene Schwein das Schlachtalter nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird. Demnach werden mehr als 13,5 Millionen sogenannter Falltiere vorzeitig getötet.

Mehr Dokumentation

Auch die Tierrechtsorganisation Ariwa geht nicht davon aus, dass die Filmaufnahmen Ausnahmen zeigen. "Diese Zustände stellen die Normalität in deutschen Betrieben dar", sagte deren Sprecherin Sandra Franz dem Spiegel. "Die betroffenen Tiere sind von vornherein als 'Verluste' einkalkuliert. Da eine Behandlung der Tiere nicht rentabel wäre, werden sie einem langsamen und leidvollen Tod überlassen."

Laut dem Spiegel entspricht zudem die Ausstattung der Krankenbuchten in den Betrieben nicht den Vorgaben. Die Abteile seien verdreckt, der Futtertrog ist unter verkrusteten Ablagerungen kaum noch zu erkennen. Auch fehle die vorgeschriebene Einstreu mit Stroh. In einer Bucht gebe es eine – allerdings viel zu kleine – Gummimatte. Der Rest sei harter Beton und Spaltenboden.

Strafrechtler Bülte forderte deswegen bei Report Mainz, dass es zur Pflicht werden müsse, jede Nottötung in Bild und Ton zu dokumentieren und bei Zuwiderhandlungen Geldbußen zu verhängen. Die Tierrechtsvereinigung Ariwa will mit einer Onlinepetition an Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) durchsetzen, dass Tierkörperbeseitigungsanlagen zur systematischen Dokumentation aller angelieferten Tiere verpflichtet werden.