Wenn es um die Meinungsfreiheit geht, höre ich im Osten manchmal einen Vergleich, der mich immer wieder überfordert: Damals zu DDR-Zeiten, sagen manche, habe man zwar im öffentlichen Raum nichts sagen können, aber dafür wenigstens im Betrieb. Da habe man seinem Brigadeleiter noch ohne Furcht sagen können, dass er ein Idiot sei. Heute sei es einfach nur umgekehrt: Man darf alles sagen, außer im Job. Als sei das das Gleiche. Ich weiß dann nie, worauf ich zuerst antworten soll: Auf die Erwartung, seinen Boss beleidigen zu dürfen oder auf die Bereitschaft, die echte Meinungsfreiheit gegen dieses Recht einzutauschen.

Es ist für mich jedenfalls nur ein bisschen überraschend, dass 41 Prozent der Ostdeutschen in einer ZEIT-Umfrage befinden, um die Meinungsfreiheit sei es heute nicht besser bestellt als in der DDR.

Das soll nicht sarkastisch klingen, aber so kann es eben kommen, wenn ein erheblicher Teil der Bürgerinnen und Bürger die plurale Demokratie nicht schon als Kind erlernt hat und sich sein Bild vom Kapitalismus in den 30 Jahren seit der Wende unter eher harten Umständen gemacht hat. Wenn Worte und Werte derart schnell verschwimmen wie der Begriff der Freiheit, den erst Bärbel Bohley befüllte und bald darauf Guido Westerwelle.

Christian Bangel ist politischer Autor bei ZEIT ONLINE. © Jakob Börner

Kein Zweifel: 41 Prozent, das ist dramatisch. Das ist weit mehr als das, was Soziologen eine kritische Masse nennen. Sie verteilen sich über alle Parteien, sogar bei den Grünen-Wählern ist es ein gutes Viertel der Befragten. Besonders die hohe Zahl Frauen (49 Prozent) sorgt dafür, dass im Ergebnis nicht viel weniger als die Hälfte der Ostdeutschen den essenziellsten Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR verneint: den zwischen einer Diktatur und einer Demokratie. Geht es noch beunruhigender?

Doch, das geht. Aber anders, als man erwarten würde. Seit einer ganzen Weile machen nämlich auch Konservative und Liberale mit bei der Erzählung von der eingeschränkten Meinungsfreiheit. Bis hoch zu Altbundespräsident Gauck erzählt man sich in abgewandelten Varianten, dass bei jeder aus Sicht der Linken unangebrachten Behauptung immer gleich der nächste Shitstorm drohe. Nein, in den Knast kommt man dieser Legende nach wegen solcher Meinungsäußerungen heute natürlich nicht, aber es drohe die gesellschaftliche Ächtung, wenn man etwas sage, das den Linken nicht passe. Und da die Linken, so die Behauptung, auch die Medien dominierten, sei es eben nicht verwunderlich, dass die Deutschen Umfragen zufolge vorsichtig damit seien, sich in der Öffentlichkeit frei zu äußern.

Das konservative Deutschland scheint sich einig: Es sind die intoleranten Linksliberalen in den sanierten Altbauwohnungen, die schuld sind, wie sie ja auch schon an den Flüchtlingen und dem Neoliberalismus schuld waren. Die Kerndlfresser, wie der Kabarettist Gerhard Polt sie schon vor Jahren nannte, die den anständigen Deutschen wieder mal den Schweinsbraten verbieten wollen.

Manchmal frage ich mich, ob diese Umfragen eigentlich die Ursache oder die Folge des Geredes vom intoleranten Öko sind. Oft läuft die Bezichtigung nämlich nach diesem Muster: Es wird ein moderater Gedankenanstoß der Linken genommen und einfach ins Monströse übertrieben, zum Beispiel: Linke würden die Grenze für alle öffnen, oder Autos und Fleischessen verbieten wollen. Und der wütende Protest gegen diese Unterstellungen wird dann zum Beleg dafür gemacht, dass man nichts mehr sagen darf. Was einem nicht gefällt, schrieb FDP-Chef Christian Lindner neulich, "muss man nicht sofort moralisch diskreditieren oder in eine Ecke rücken". Es ist exakt derselbe Lindner, der eine Woche vorher den Protestierenden gegen die IAA vorgeworfen hatte, Achtung, "Umerziehung" zu fordern.

Finden Sie es ein bisschen geil?

Ob Leute wie Lindner, Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen, Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der Publizist Roland Tichy oder andere wirklich glauben, was sie sagen, wenn sie die Bundesrepublik mit den Begriffen einer Diktatur umschreiben? Wenn sie oder andere von Denkverboten, Ökojakobinern und vom Westfernsehen schreiben, um deutsche Debatten zu beschreiben? Ahnen sie, dass sie damit den Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR verwischen? Ist ihnen klar, dass ihre Worte im Osten viel stärker und ganz anders wirken als im Westen? Finden sie es vielleicht einfach ein bisschen geil? Ist da auch eine narzisstische Lust, mit der Macht der eigenen Erzählung zu spielen, wie Boris Johnson es tut?

Man sollte diesen Leuten nicht pauschal den guten Willen absprechen. Mag sein, dass sie aus dem Glauben heraus handeln, die AfD zu schwächen. Vielleicht haben sie wirklich den Eindruck, dass sich Deutschland bedrohlich nach links bewegt. Schließlich sind die Grünen in der Nähe einer Kanzlerpartei, die Union stagniert, die FDP verdirbt. Vielleicht denken sie: Die Themen der AfD zu ignorieren, wie es viele eine Zeit lang nach der Bayernwahl taten, habe die AfD ja auch nicht geschwächt. Also jetzt endlich wieder, auch im Ton der AfD: Vollgas, Schnitzel!