Fast sieben von zehn Deutschen glauben, ihre Meinung öffentlich nicht mehr frei äußern zu dürfen. Das trifft offensichtlich nicht für die Asozialen Medien zu, wo jeder mit abweichenden Meinungen hausieren kann, ja mit Hass, Rufmord und Rassismus. Wenden wir uns deshalb dem besonderen Raum der Universität zu, dem hehren Hort der Freiheit und des immerwährenden Disputs, wo der berühmte Spruch des Freiheitsphilosophen Karl Popper gilt: "Das Spiel der Wissenschaften hat grundsätzlich kein Ende. Wer eines Tages beschließt, die wissenschaftlichen Sätze müssten nicht weiter überprüft, sondern könnten als endgültig verifiziert angesehen werden, der tritt aus dem Spiel aus."

Just das beschloss jüngst der Asta der Universität Hamburg, der das "Nazi-Schwein", den Ökonomieprofessor Bernd Lucke, aus dem Hörsaal vertrieb. (Der Mann hatte die AfD gegründet, war aber als Linksabweichler ausgestoßen worden.) Die Verwaltung vereitelte den Auftritt des FDP-Chefs Christian Lindner, weil "Parteipolitisches" regelwidrig sei. Das Verbot galt allerdings nicht für linke Größen wie Kevin Kühnert und Sahra Wagenknecht. Linksradikale blockierten das alte Rathaus von Göttingen, um den früheren CDU-Innenminister Thomas de Maizière zu verhindern. Der sei weiland zu lasch mit den Türken umgegangen, die heute Kurden in Syrien dezimieren.

Im Vergleich zu den Naziparolen im Netz und dem antisemitischen Killer von Halle sind solche Vorfälle Kinkerlitzchen, zumal Lucke wieder dozieren darf. Und doch will man ergründen, was in den jungen Köpfen abläuft, zumal das Rätsel nicht neu ist. Schon in den gloriosen 68er-Zeiten wurden unliebsame Professoren wie Theodor Adorno, ein Liebling der Protestgeneration, niedergebrüllt. In der Weimarer Republik formierte sich die Intoleranz ganz rechts. Ab 1928 begann der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund die Universitäten zu erobern, 1931 hatte er die absolute Mehrheit im Studententag. Das Professorat lief 1933 über.

Das ist nicht nur ein deutsches Problem. An amerikanischen Universitäten vergeht kaum ein Tag, da nicht Meinungssünder ausgeladen oder gewaltsam bedrängt werden. Die Verwaltung spielt mit, indem sie hohe Sicherheitskosten auffährt, um Zielscheiben studentischer Wut fernzuhalten. Sie richtet safe spaces ein, um die Studenten vor grausigen Ideen zu schützen. Trigger warnings bedeuten den unschuldigen Seelen: Achtung, hier triffst du auf Literatur, die von Vergewaltigung, Sklaverei und Grausamkeit kündet und dich traumatisieren könnte.

Die Ausgrenzung geht sogar gegen die "Richtigen". In Harvard wurde dieses Jahr ein schwarzer, progressiver Juraprofessor aus der Studentenbetreuung entfernt. Sein Vergehen: Er hatte sich dem Verteidigerteam des Hollywoodmoguls Harvey Weinstein angeschlossen, der wegen sexuellen Missbrauchs unter Anklage steht. Es half ihm nichts, die Verfassung anzuführen, die dem Beschuldigten das Recht auf einen Verteidiger garantiert. Denn die Studenten fühlten sich "unsicher" in seiner Gegenwart. Der Dekan schrieb diesem Autor, die "besten Interessen unserer Studenten" müssten die "höchste Priorität" haben.

Was aber sind deren "beste Interessen"? Die Pflicht der Universität ist es, den jungen Menschen einen "sicheren Raum" nicht vor, sondern für Ideen zu liefern, auch wenn sie noch so konträr zu ihren Überzeugungen laufen. Sie sollen Ungewohntes erfahren, nicht Gewissheiten einmauern. Sie sollen lernen, Ideen von Ideologie zu unterscheiden; nicht Menschen sollen sie auseinandernehmen, sondern Gedanken und Theorien. Die Universität ist keine Kirche, wo Glaubenssätze gefestigt werden, sondern eine Institution, wo sie geprüft werden. Sie ist der Ort, wo Meinungen nicht exorziert, sondern widerlegt werden – regelhaft und respektvoll, auch wenn man den Gegner nicht ausstehen kann. Der wahre Feind ist das Dogma, nicht der Widerspruch. Wer brüllt und verteufelt, hat immer unrecht.

Gewiss: Seit Platon war die Jugend den Altvorderen schon immer suspekt. Die Jungen sollten gefälligst lernen, statt zu lamentieren, geschweige denn zu ersticken, was ihnen nicht passt. Dagegen steht das uralte Vorrecht auf Begeisterung und Bilderstürmerei, das "Wir" der Kinder gegen die Beharrungsmacht der Eltern. Ohne den Generationenkonflikt kein Fortschritt des Denkens. Nur müssen Studenten Widerspruch aushalten, statt die Meinungsfreiheit in Empörung zu ertränken. Dass jemand ein "alter weißer Mann" ist, beweist nichts über die Dummheit oder Niedertracht seiner Gedanken. Moralische Arroganz ersetzt nicht das räsonierende Argument.

Der Jugend möge man Sturm und Drang nachsehen; das ist generationsgemäß und ein Eisbrecher des Überkommenen. Doch die Hochschulverwaltung, ob in Harvard oder Hamburg, hat ihre eigene Verantwortung. Sie muss schützen, was die Universität ist: ein Hort des permanenten Zweifels und Disputs. Wenn Wagenknecht und Kühnert ihre Botschaft auf dem Campus verbreiten können, muss gleiches Recht auch für die Lindners und Luckes gelten, solange Redner und Professoren nicht gegen Verfassung und Menschenrechte agitieren. Für Beleidigung, Hetze und Verleumdung ist das Strafgesetz zuständig, nicht das Dekanat. Wird die Intoleranz nicht gebändigt, gebiert sie Unterdrückung, die Ganz-Rechts genauso gut beherrscht wie Ganz-Links.

John Stuart Mill, der große britische Freiheitsphilosoph, soll hier das letzte Wort haben: "Wir können nie sicher sein, dass die Ansicht, die wir unterdrücken wollen, falsch ist." Doch auch wenn derlei Gewissheit besteht, "wäre die Unterdrückung ein Übel".