Die wohl wichtigste Szene im Mordprozess gegen eine Polizistin im amerikanischen Dallas geschah erst, als das Urteil schon gesprochen war. "Ich liebe Sie", sagte der Zeuge Brandt Jean mit brüchiger Stimme zur Angeklagten Amber Guyger – der früheren Polizistin, die vor gut einem Jahr seinen älteren Bruder erschossen hatte. Dann bat er um Erlaubnis, die 31-Jährige zu umarmen. Vor dem Richtertisch hielten sich die Mörderin und der Hinterbliebene fast eine Minute lang in den Armen, Zuschauer brachen in Tränen aus.

Die Versöhnungsgeste, die auch Fernsehkommentatoren sprachlos machte, war das Gegengewicht zu einem Urteil, das vielen deutlich zu mild erschien. Die Jury in dem Geschworenenprozess hatte Guyger – eine Weiße – zunächst des Mordes an dem 26-jährigen Schwarzen Botham Jean für schuldig befunden und in einer zweiten Beratung eine Haftstrafe von zehn Jahren verhängt. In fünf Jahren kann die Verurteilte erstmals eine Entlassung auf Bewährung beantragen. Nach dem Urteil kam es vor dem Gerichtsgebäude zu Tumulten.

Diskussion um die Rolle des Rassismus

Ungewöhnlich ist, dass es überhaupt zu einer Anklage und einer Verurteilung kam. Zunächst schien sich der Mord in eine lange Serie einzureihen, in der nicht schwarze Polizisten auf schwarze Bürger schießen und ohne ernsthafte Konsequenzen davonkommen. Guyger war am 6. September 2018 vom Dienst nach Hause gekommen, trug noch Uniform und Waffe. In dem Haus in Dallas im Bundesstaat Texas wollte sie sich im Stockwerk geirrt haben und betrat statt ihrer eigenen Wohnung die ihres Nachbarn Botham Jean. Die Tür war offenbar nicht verschlossen. Nach eigenen Angaben im Glauben einen Einbrecher vor sich zu haben zog sie die Dienstpistole und tötete Jean mit zwei Schüssen. Das unbewaffnete Opfer hatte mit einer Schüssel Eis vor dem Fernseher gesessen.

Die Tat warf nicht nur eine Reihe von logischen Fragen auf – etwa, wie man eine fremde Wohnung für die eigene halten kann. Vor allem ging es um das Thema Rassismus: Die Staatsanwaltschaft präsentierte Textnachrichten, die Guyger nur zwei Tage zuvor an Kollegen verschickt hatte. Darin machte sie sich über den Tod des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King lustig und bezeichnete sich selbst als Rassistin.

In ihrer Aussage während des Verfahrens wiederum bewegte die Angeklagte sich zwischen Reue und Selbstmitleid, sagte, es sei bei der Tat "nicht um Hass, sondern um Angst" gegangen. Sie wünsche niemandem, dass er erleben müsste, was ihr an dem Abend des 6. September 2018 widerfahren sei – ein Satz, den Staatsanwalt Jason Fine in seinem Plädoyer von einem Blatt ablas, das er dann zerknüllte. Die Angaben der Ex-Polizistin seien "Müll".

Die Indizien für die Geisteshaltung der Angeklagten dürften zum Schuldspruch beigetragen haben. Brandt Jean, der Bruder, ließ das Thema Rassismus in seiner Stellungnahme außen vor, wünschte Guyger lediglich, sie solle zum christlichen Glauben finden. "Ich will nicht einmal, dass Sie ins Gefängnis gehen; ich will das Beste für Sie", sagte er. Bei der anschließenden Umarmung wischte sich die Richterin Tränen aus den Augen. Später trat sie an die Anklagebank und umarmte ihrerseits die Verurteilte.

Polizeigewalt endet oft ohne Konsequenzen

Jean hatte allerdings auch klargestellt, dass er mit der Vergebung nicht im Namen seiner Verwandten spreche. Der Anwalt der Familie schrieb auf Twitter: "Natürlich ist das unangemessen. Das gesamte Justizsystem ist unangemessen." Am Abend versammelten sich rund 200 Menschen zu einer Demonstration in der Stadt. "Wir sind hier, weil wir es leid sind, schon wieder einen Sohn durch Polizeigewalt zu verlieren", sagte Dee Crane, die Mutter von Tavis Crane, der 2017 ebenfalls in Texas von einem Polizisten erschossen wurde.

Die demonstrative Vergebung war folglich kein Anlass, die amerikanische Debatte um einen rassistisch geprägten Polizeiapparat einfach auszusetzen. Zumal eine Entschlossenheit wie in diesem Fall für Strafverfolgung und Justiz in den USA bei Fällen von Polizeigewalt bislang eher Ausnahme als Regel war. 2014 ließ ein Geschworenengericht den Prozess gegen einen Polizisten fallen, der den 18-jährigen Schüler Michael Brown erschossen hatte. 2017 kam ein Beamter mit einer Entlassung davon, nachdem er im Vorjahr bei einer Verkehrskontrolle siebenmal auf den 32-jährigen Philando Castile gefeuert und ihn so getötet hatte. Jeder Vorfall befeuert aufs Neue die Diskussion, die spätestens mit der Tötung des Schülers Trayvon Martin durch George Zimmerman 2012 begonnen hatte. Nachdem der Schütze 2013 freigesprochen wurde, formierte sich die Bewegung Black Lives Matter.

Sind Gerichte für rassistische Gewalt sensibilisiert?

Zuletzt gab es Anzeichen für einen Wandel in der Rechtsprechung. Mehrfach sprachen Geschworenengerichte weiße Angeklagte schuldig, die Schwarze erschossen hatten und sich darauf beriefen, in Notwehr gehandelt zu haben – wie Guyger. Unklar ist allerdings, ob für die Jurymitglieder eine Rolle spielte, dass die Angeklagte nicht mehr im Dienst war, die Tat somit nicht als typische Polizeigewalt einzuordnen ist. Die Staatsanwaltschaft argumentierte jedoch, eine ausgebildete Polizistin müsse fähig sein, sich zu kontrollieren und nicht spontan einem Schussimpuls nachzugeben.

Zumindest dieser Logik schienen die Geschworenen gefolgt zu sein, als sie die Angeklagte wegen Mordes und nicht wegen Totschlags schuldig sprachen. Die irrtümliche Selbstverteidigung, die Guygers Verteidiger immer wieder ins Feld geführt hatten, akzeptierten sie nicht.

Das Strafmaß lässt dennoch Zweifel aufkommen, wie weit die Sensibilisierung für mutmaßlich rassistische Gewalt tatsächlich fortgeschritten ist. Die texanischen Gesetze lassen für Mord eine Strafe von fünf bis zu 99 Jahren zu. Die zehn Jahre sind somit auffällig nah am unteren Rand – und auch weit entfernt von dem Strafmaß, das die Staatsanwaltschaft gefordert hatte: 28 Jahre. Es ist das Alter, das Botham Jean am vergangenen Sonntag erreicht hätte.