Nach dem rechtsextremen Terrorangriff in Halle ist das Entsetzen auch in den Medien groß. Zeitungen warnen unter anderem vor einer Kontinuität rechter Gewalt. "Dies ist ein Tag, der auf brutalste Art Augen öffnend sein muss: welche Hydra der rechtsextremistische Terror inzwischen ist", schreibt etwa die Süddeutsche Zeitung. Seit Jahren treten "plötzlich Täter in Erscheinung, die die Sicherheitsbehörden zuvor entweder gar nicht oder kaum auf dem Radar hatten", kritisiert die Zeitung und nennt unter anderem den NSU und den Mord an Walter Lübcke als Beispiele.

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung haben sich die Warnungen jüdischer Gemeinden auf "tragische Weise" bestätigt. Wie sehr sich ein "neu entfachter Antisemitismus" radikalisiert habe, zeige sich in dem paramilitärischen Aufzug des mutmaßlichen Täters. Die traurige Wahrheit sei, dass sich rechtsextremistische und antisemitische Gefährder in Deutschland schon seit Jahren wieder frei im "Bodensatz der Gesellschaft" bewegen könnten, kommentiert die Zeitung.

Der Bonner General-Anzeiger warnt vor einer neuen Dimension antisemitischer Gewalt: "Waren Juden in Deutschland bisher schon beinahe täglich und immer häufiger auf der Straße Beschimpfungen und Angriffen ausgesetzt, müssen sie jetzt um ihr Leben fürchten." Das sei ein erschütternder Befund.

Die Stuttgarter Nachrichten weisen darauf hin, dass es genügend Anzeichen für mögliche Angriffe gegeben habe. Immerhin sei die Zahl judenfeindlicher Straftaten zuletzt gestiegen. "Sage keiner, das hätte niemand ahnen können."

Vergleich mit Christchurch-Angreifer

Die Leipziger Volkszeitung wirft der Landesregierung in Sachsen-Anhalt vor, die Gefahren von rechts immer wieder relativiert zu haben. Die Militanz der rechtsextremistischen Szene wachse in ganz Deutschland. "Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicherheitsbehörden ein."

Das Vorgehen des Angreifers habe eine "bemerkenswerte Ähnlichkeit" mit dem Amoklauf eines Rechtsextremisten gegen zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch gehabt, schreibt die New York Times. Wie der Christchurch-Angreifer habe sich auch der mutmaßliche Täter von Halle selbst in einem Video aufgenommen.

Auch die israelische Zeitung Haaretz zieht Parallelen zu dem Massaker von Christchurch und dem Angriff auf eine Synagoge in Pittsburgh, bei dem vor fast einem Jahr elf Menschen starben. Haaretz weist auf eine "globale, rassistische White-Supremacy-Ideologie" (Vorherrschaft von Weißen) hin, die liberale Offenheit etwa gegenüber Einwanderern sowie Toleranz gegenüber Minderheiten als Bedrohung für die "weiße Rasse" sehe. Die Täter seien voller Feindseligkeit und Frustration.

Die italienische La Repubblica sieht in dem Anschlag ein Signal, das nicht länger ignoriert werden könne. "Wir stehen vor der schwersten Bedrohung unserer Demokratien", kommentiert die Zeitung. Im Gegensatz zum islamischen Terrorismus komme diese nicht aus "äußeren Welten". Es sei die Furcht vor etwas, dass in den "Tiefen der europäischen Gesellschaft" lebe.

Am Mittwochmittag hatte ein bewaffneter Angreifer versucht, die Synagoge in Halle zu stürmen. Sie war wegen des hohen jüdischen Feiertages Jom Kippur voll besetzt. Der Täter scheiterte an der verschlossenen Tür. Er erschoss daraufhin zwei Menschen, bevor er von der Polizei festgenommen werden konnte. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt. Bei dem Täter handelt es sich ersten Erkenntnissen zufolge um einen Rechtsextremen. Er filmte die Tat mit einer Helmkamera. Das Video ist ein rechtsextremistisches Bekenntnis. Zudem hinterließ er ein antisemitisches Manifest.

Halle - "Es macht einen tieftraurig" Nach den tödlichen Schüssen in Halle haben sich Anwohner zu einer Mahnwache zusammengefunden. Die Bundesanwaltschaft geht von einem rechtsextremen Motiv des Täters aus.